Diskurs

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Auswertung

Konsens über Dissens: Diskurs bedeutet nicht: Einigung auf den kleinsten, meist trivialen Nenner. Es geht vielmehr um eine Konfliktaustragung, bei der die Argumente in aller Klarheit und, wenn notwendig, auch in aller Schärfe ausgetauscht und die unterschiedlichen Werte und Interessen dargelegt werden. Häufig enden diese Diskurse nicht mit einem Konsens, sondern mit einem Konsens über den Dissens. In diesem Falle wissen alle Teilnehmer, warum die eine Seite für eine Maßnahme und die andere dagegen ist. Die jeweiligen Argumente sind dann aber im Gespräch überprüft und auf Schwächen und Stärken ausgelotet worden (Elster 1989). Die verbleibenden Unterschiede beruhen nicht mehr auf Scheinkonflikten oder auf Fehlurteilen, sondern auf klar definierbaren Differenzen in der Bewertung von Entscheidungsfolgen (Schimank 1992). Alle Parteien wissen, was sie sich mit ihren Präferenzen für die eine oder andere Lösung an erwartbaren Konsequenzen einhandeln werden, mit allen Unsicherheiten, die damit verbunden sind. Das Ergebnis eines Diskurses ist mehr Klarheit, nicht unbedingt Einigkeit.

Information und Einbringen der Ergebnisse in Gremien und Öffentlichkeit: Am Ende des Diskursverfahrens steht also ein abgestimmter Bewertungs- oder Empfehlungstext, den die Teilnehmer im Verfahren ausgehandelt haben. Gab es mehrere Teilgruppen, ist eine Zusammenführung von den Teilergebnissen wichtig. In einigen Prozessen wie Mediationsverfahren oder Konsensuskonferenz erfolgte die Integration von Teilergebnissen häufig schon im Prozess. Bei anderen Verfahren wie Fokusgruppen oder Bürgerforen muss dieser Schritt der Zusammenführung nach dem Abschluss erfolgen.

Ist das Diskursverfahren durchgeführt und liegen abgestimmte Ergebnisse vor, sind diese noch nicht umgesetzt. Je nach Zielstellung können die erörterten Sachverhalte oder Bewertungen an die entsprechenden Institutionen weitergeleitet werden, die sie angefordert haben oder nutzen möchten.

Schwieriger ist die Umsetzung von Gestaltungsdiskursen, da die Resultate meistens nur Empfehlungscharakter für konkrete Entscheidungen haben. Daher ist im Vorfeld und auch während des Verfahrens die Information und der Einbezug der Öffentlichkeit als auch der politischen Gremien, die die Ergebnisse in Beschlüssen umsetzen sollen, entscheidend. Ein Verfahren, dass sich von seinem Umfeld loslöst, kann in der Regel nur wenig Wirkung erzielen. Nach Abschluss des Verfahrens sollten ein oder mehrere Sprecher die Ergebnisse in den Gremien und ggf. der Öffentlichkeit vorstellen. In Mediationsverfahren ist auch die Darstellung des Argumentationsstrangs und der Kriterien zur Bewertung von Bedeutung.

Moderne Gesellschaften brauchen mehr denn je diskursiv angelegte Verfahren der Entscheidungsfindung, in denen betroffene Bürger die Gelegenheit erhalten, in einem Klima gegenseitiger Gleichberechtigung, der Anerkennung von Sachwissen und normativen Vorgaben sowie des Respekts vor der Legitimität unterschiedlicher Wertesysteme und Präferenzen Handlungsoptionen zu diskutieren, die damit verbundenen Folgen und Implikationen zu bewerten und auf dieser Basis Empfehlungen für repräsentative Gremien und/oder für ihre Mitbürger zu formulieren (Renn 2003). Die moderne Gesellschaft braucht also keinen Ersatz für ihre repräsentativen Gremien, sondern sie benötigt vielmehr eine Funktionsbereicherung durch diskursive Formen direkter Bürgerbeteiligung, die den repräsentativen Gremien wiederum in ihrem eigenen Streben nach Legitimation zugute kommen. Dazu bedarf es keiner grundlegenden Veränderungen der politischen Strukturen, zumindest nicht auf der systemaren Ebene, sondern vielmehr gezielter Reformen, die eine Anschlussfähigkeit der im Diskurs gewonnenen Ergebnisse in den Strukturrahmen der Politik sicherstellen.

Symbol: »Literaturtipp« (ein stilisiertes geöffnetes Buch)

Benighaus, C./Kastenholz, H.: Praxisleitfaden Mobilfunkanlage, Information und Beteiligung bei der Standortsuche von Mobilfunkanlagen, Manuskript für das Sozial­ministerium des Landes Baden-Württemberg. Akademie für Technikfolgenabschätzung, Stuttgart 2003.

Fiorino, D.: Citizen Participation and Environmental Risk: A Survey of Institutional Mechanisms. Science, Technology & Human Values, 15, No. 2 (1990),
S. 226-243.

Habermas, J.: Vorbereitende Bemerkungen zu einer Theorie der kommunikativen Kompetenz. In: Habermas, J. / Luhmann, N. (Hrsg.): Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie, Was leistet die Systemforschung. Frankfurt/Main 1971, S. 101-141.

Habermas, J.: Theorie des kommunikativen Handelns. Bd. 1 & 2, Frankfurt/Main 1981.

Habermas, J.: Erläuterungen zum Begriff des kommunikativen Handelns. In: Habermas, J.: Vorstudien und Ergänzungen zur Theorie des kommunikativen Handelns. 3. Auflage, Frankfurt/Main 1989, S. 571-606.

Renn, O.: Diskursive Verfahren der Technikfolgenabschätzung. In: Petermann, Th. / Coenen., R. (Hrsg.): Technikfolgenabschätzung in Deutschland, Bilanz und Perspektiven. Frankfurt/Main 1999, S. 115-130.

Renn, O.: The Challenge of Integrating Deliberation and Expertise: Participation and Discourse in Risk Management. In: MacDaniels, T. L. / Small, M.J. (Hrsg.): Risk Analysis and Society: An Interdisciplinary Characterization of the Field. Cambridge 2003.

Symbol: »Autor« (ein stilisierter Füllfederhalter)

Prof. Dr. Ortwin Renn
Christina Benighaus
Universität Stuttgart
Forschungsschwerpunkt Interdisziplinäre Risikoforschung und nachhaltige Technikentwicklung
Seidenstr. 36
70049 Stuttgart
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