Community Organizing

Seite 2: Empfehlungen für erfolgreiche Organisation

Empfehlungen für erfolgreiche Organisation

Breite Basis ermöglicht taktische Erfolge

Eine »Community« Organisation wird durch die Beteiligung vieler Menschen mit vielfältigem Hintergrund gebildet, die oft zusammen mit schon bestehenden Or­ganisationen in das neue Bündnis kommen. Bewusst werden Men­schen unterschiedlichster Herkunft und Interessen angesprochen. Veränderungen bedürfen eines breiten Konsenses. Keine einzelne Mitgliedsorganisation soll die Arbeit dominieren können. Als Organisation des »dritten Sektors« tritt sie eigen­ständig und selbstbewusst gegenüber Markt und Staat (den beiden anderen Sektoren) auf. Sie handelt und verhandelt mit der Phantasie und Kreativität, aber auch mit dem Durchsetzungsvermögen, das aus der breiten Basis entsteht.

Breites Themenspektrum ist Voraussetzung für Bündnisfähigkeit

Eine »Community« Organisation zeichnet aus, dass sie an wechselnden, von den Mitgliedern in vielen Einzelgesprächen und Gruppentreffen bestimmten Themen arbeitet. Sie kümmert sich um den konkreten Teil eines Problems, aus dem sich ein Erfolg versprechender Aktionszusammenhang ergibt. Tragender Impuls der Kooperation bleibt das Selbstinteresse der Mitglieder, das durchaus so gewendet werden kann: »Helft ihr uns bei dieser Aktion, helfen wir euch bei einer folgenden, die euch wichtig ist.«

Unabhängigkeit ist Voraussetzung für öffentliches Ansehen

Eine »Community« Organisation finanziert sich aus mehreren Quellen, nicht überwiegend aus der öffentlichen Hand. Konsequent wird angestrebt, die eigenen Aktions-, Organisations- und Personalkosten selbst aufzubringen. Mindestens 50 % sind Eigenmittel aus Mit­gliedsorganisationen oder -beiträgen. So bleibt sie kon­fessionell und parteipolitisch unabhängig und kommunalpolitisch konfliktfähig. Über eigene Organisationsmittel zu verfügen (und eben nicht am Tropf der kommunalen Gemeinwesen-Förderung zu hängen), ist Voraussetzung dafür, von der Administration und der Geschäftswelt als Verhandlungspartner ernst genommen zu werden.

Dauerhaftigkeit bedarf der Professionalität

Eine »Community« Organisation ist auf langfristige und kontinuierliche Veränderung, auf mehr Demokratie ausgerich­tet. Das wird über ständige Beziehungsarbeit, durch Organisieren und Umorganisieren erreicht, was – auch das ist die Erfahrung aus 50 Jahren CO - im Interesse der Sache professionell begleitet werden muss. Deshalb wird der überwiegende Teil der eigenen Mittel für Personal, für gute Organisatorinnen und Organisatoren ausgegeben.
Das Selbstverständnis eines guten Community Organizers lässt sich in einer »eisernen« Berufsregel zusammenfassen: »Tue nie etwas für Menschen, das sie selbst tun können.« Doch darf hinzugefügt werden: »Tue alles dafür, dass die Menschen in der Organisation können, was sie tun wollen.« Die Aufgabe des Organizers ist es, nicht selbst zu führen, sondern führende Personen zu finden, zu unterstützen, ihre Fähigkeiten zu trainieren und sie in ihrem persönlichen Wachstum zu begleiten. Die Menschen in der Organisation werden nicht an den Entscheidungen »beteiligt«, sondern bestimmen die Richtung.

Die zentrale Taktik: Persönliche Verantwortlichkeit einfordern

Amerikanische CO-Engagierte vergeuden keine Zeit damit, abstrakt »den Staat« oder »das System« zu bekämpfen. Gefragt wird immer: »Aus welchem konkreten Teil eines Problems ergibt sich ein Aktionszusammenhang zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen?«
Dazu wird konkret die für einen Missstand verantwortliche Person, der Firmen- oder Bankchef, der Bürgermeister, der lokale Polizeichef ausfindig gemacht und öffentlich an seine Verantwortung erinnert. Diese Person ist das konkrete Gegenüber, der »Gegner« oder die »Zielscheibe« der laufenden Aktion. Wie man den unten beschriebenen Taktiken entnehmen kann, ist diese Person in einer äußerst ungemütlichen Situation, so dass sie, nicht zuletzt aus Selbstinteresse, versuchen wird, zu einer Lösung beizutragen. Gelingt das, wird CO diesen Beitrag öffentlich anerkennen. Bewusst wird auf andauernde persönliche Feindschaft verzichtet.

Die Taktik, Macht von den Besitzenden zu nehmen

Alinskys Anweisung macht anschaulich, wie es dabei zugeht: »Taktik bedeutet, das zu tun, was man kann, mit dem, was man hat.«
»Taktik nennt man die bewussten und freiwilligen Handlungen, die es den Menschen er­möglichen, miteinander zu leben und mit der übrigen Welt fertig zu werden. In unserer Welt des Gebens und Nehmens ist Taktik die Kunst des richtigen Gebens und Nehmens. Wir wollen uns hier mit der Taktik des Nehmens beschäf­tigen; nämlich wie sich die Besitzlosen Macht von den Besitzenden nehmen kön­nen.

  • Macht ist nicht nur das, was man hat, sondern das, von dem der Gegner glaubt, dass man es hat.
  • Verlasse niemals den Erfahrungsbereich der eigenen Leute.
  • Wo immer möglich, verlasse den Erfahrungsbereich des Gegners.
  • Zwinge den Gegner, nach seinen eigenen Gesetzen zu leben.
  • Spott ist die mächtigste Waffe des Menschen. (Ist in der vorhergehenden Regel enthalten.)
  • Eine gute Taktik ist die, die den Mitgliedern Spaß macht.
  • Eine Taktik, die sich zu lange hinzieht, wird langweilig.
  • Der Druck darf niemals nachlassen.
  • Die Drohung hat in der Regel mehr abschreckende Wirkung als die Sache selbst.
  • Die wichtigste Voraussetzung für jede Taktik ist das Entwickeln einer Stra­tegie, die permanenten Druck auf den Gegner ausübt.
  • Wenn man etwas Negatives lange und hart genug behandelt, zeigt sich das Positive von ganz allein.
  • Suche dir eine Zielscheibe, personalisiere sie und schieße dich auf sie ein.
  • Die eigentliche Aktion besteht in der Reaktion des Gegners.
  • Ein sorgfältig gereizter und angestachelter Gegner wird durch seine Reaktion zu deiner größten Stärke.
  • Taktik, ebenso wie Organisation – ja wie das Leben selbst – erfordert, dass man sich mit der Aktion mitbewegt.«