Aktivierende Arbeit mit Jugendlichen

1994 bis 1999 gelang es mit einer Gruppe Jugendlicher mit mehrfach wechselnder Zusammensetzung aus einer Vision letztlich ihr Ziel zu erreichen: ein eigener Jugendtreff (Ballwiese, Hütte, Basketball- und Skateranlage). Diese Erfahrungen können für Menschen interessant sein, die im Rahmen ihrer gemeinwesenorientierten Arbeit einen »empowerment« -Ansatz verfolgen, unter anderem auch mit Jugendlichen zu tun haben und mittel- bis langfristig planen können. Dabei möchte ich insbesondere verdeutlichen, wie wichtig es ist, dass die Fachkraft ihren Auftrag der Gruppenbegleitung ständig reflektiert, um die vorhandenen Ressourcen der Jugendlichen zu nutzen und schlummernde Potenziale zu aktivieren.

Ich arbeite als Gemeinwesenarbeiter in einem Dürener Hochhausviertel mit 300 Haushalten, einem überdurchschnittlichen Anteil an Kindern und Immigranten, vergleichsweise schlechter Infrastruktur und einem seit 1988 aktiven Bewohnerverein. 1994 hatte diese Interessengemeinschaft schon einiges zur Verbesserung der Lebensverhältnisse erreicht (Vereinswohnung im Viertel als Treff; gesellige Veranstaltungen zur Verbesserung der Nachbarschaft; Beseitigung von Missständen in Wohnungen; Lern- und Freizeitangebote für Kinder; Verbesserung der Grünanlagen und Spielplätze). Lediglich im Umgang mit den Themen der Jugendlichen waren die aktiven Eltern eher zurückhaltend. Man hatte »schlechte Erfahrungen« gemacht, wie Vandalismus in der Vereinswohnung und Sorgen wegen Drogenmissbrauchs.

Als einige der Jugendlichen sich zusammenrauften, um ihren Unmut zu äußern, war meine Chance gekommen. Ich traf mich mit ihnen im Wohnzimmer einer engagierten Mutter und hörte mir an, wie sie es »satt hatten« , von überall verjagt und schlecht behandelt zu werden. Um ihre zentralen Themen aus der Vielzahl negativer Erfahrungen herauszufinden und die Jugendlichen auswählen zu lassen, welche Dinge sie als Erstes anpacken wollten, war es hilfreich auf die offenen Fragen der Aktivierenden Befragung zurückzugreifen (Was stört Euch denn am meisten? Was habt ihr für Ideen? Wie stellt ihr Euch das konkret vor?).

Die Jugendlichen wünschten dabei die Unterstützung des Vereins. Ich konnte diese Schlüsselsituation aufgreifen. Hilfreich war, dass mir einige der Jugendlichen bereits vertraut oder zumindest bekannt waren. Ausgestattet mit ausreichenden Ressourcen – vor allem Zeit – und ohne kontrollierende oder betreuende Aufgaben konnte ich mich kurzfristig den Interessen der Jugendlichen widmen. Ich konnte mich gründlich und aktivierend auf die Jugendlichen einlassen, doch mein Arbeitsauftrag war nicht alleine auf diese eine Gruppe abgestellt. Als Berater des Vereins bot ich ihnen meine Unterstützung an, wobei ich von vornherein klar machte, dass ich nicht stellvertretend für sie handeln würde. Als Berater würde ich Ihnen allerdings in allen Belangen zur Seite stehen.

»Wenn hier nix passiert, mache ich Feierabend!«

Es gibt grundsätzlich keinen Unterschied in der aktivierenden Arbeit mit Jugendlichen oder Erwachsenen, außer solchen, die sich aus der Lebenssituation und den altersbedingten Möglichkeiten ergeben (z.B. andere kurzzeitigere Interessen, Direktheit im Umgang und in den Beziehungen). Wenn es überhaupt ein Rezept gibt, dann dieses, die Jugendlichen von vornherein mit meinem Anspruch an sie als eigenständig handelnde Personen zu konfrontieren.

Es gelang, die im Verein aktiven Bewohner/innen zu überzeugen, die Jugendlichen zu einer Versammlung in ihren Räumen einzuladen. Das war nicht einfach, da es hier, wie bei vielen anderen auch, Vorbehalte zu überwinden gab: Jugendliche sind unverschämt, rauchen und trinken öffentlich, hinterlassen überall ihren Müll und vandalieren. Diese Vorwürfe blieben ihnen nicht erspart.

Die erste Versammlung war der Grundstein für das weitere Vorgehen. Man formierte sich öffentlich als Gruppe, die mit einer Stimme sprach, die sich eine Struktur gab und die sich über ihr gemeinsames Anliegen, ein eigener Jugendtreff, definierte. Das Ziel ging über die Interessen des Einzelnen hinaus. Die Gruppe gab mir den Auftrag, sie bei diesem Projekt zu begleiten. Wenn ich rekapituliere, welches meine Ziele bei diesem Projekt waren, so listen sich typische Ziele der Gemeinwesenarbeit auf:

  • Der Empörung Ausdruck verleihen. Schlecht Behandelte werden zu Handelnden.
  • Mit den Jugendlichen reale Verbesserungen erreichen: Vom Gehörtwerden bis zum eigenen Treff.
  • Über kulturelle und sprachliche Grenzen hinweg Gemeinsamkeit erleben.
  • Erfahrung des Machtzuwachses durch gemeinsames, organisiertes Vorgehen.
  • Einübung und Einhaltung demokratischer Regeln.
  • Persönliche Entwicklungen fördern.

»Verarschen kann ich mich auch alleine!«

Im Nachhinein kann ich folgende weitere Besonderheit in meinem Vorgehen festhalten:

  • Ich bin kein Jugendarbeiter, aber auch kein Jugendlicher. Für die Heranwachsenden repräsentiere ich die Welt der Erwachsenen mit deren Tempo und Regeln.
  • Ich biete mich als Erwachsener zur nötigen Konfrontation an und bin damit Übungsmodell für zukünftiges Handeln. Jugendliche konfrontieren mich mit ihrer hohen Dynamik bar jeder »erwachsenen« Höflichkeit und Besonnenheit. Das erfordert schnelle Reaktionen, emotionale Wachheit, permanentes Sicheinlassen und Authentizität. Dazu gehört auch, eigene Standpunkte zu beziehen und eine klare Sprache zu sprechen.
  • Ich kann nicht neutral sein. Meine Haltungen, meine Vorlieben, meine Visionen sind selbstverständlich ein wichtiger Teil der Dynamik. Wenn meine Begeisterung an der Sache verloren zu gehen droht, lerne ich sofort etwas Wichtiges über den Prozess daraus.
  • Je mehr reflektiert und emotional klar ich vorbereitet bin, desto besser kann ich in der Situation improvisieren.
  • Widerstrebende Interessen und mögliche Wege erfordern permanent Entscheidungen auch bei mir. Sei es, dass der in dieser Sache zunächst konservative Vorstand zur sachlichen Auseinandersetzung gezwungen wird (»Ihr redet die ganze Zeit über die gefährlichen Drogen, dabei habt ihr weniger Ahnung davon als eure Kinder«), oder dass gepokert wird, indem die Beteiligung der Jugendlichen an der Planung von mir sehr großzügig ausgelegt und soweit wie möglich ausgereizt wird.

Es kam mir darauf an, dass sich die so genannte Beteiligung nicht in einer einmaligen Umfrage erschöpfte, sondern die Planung möglichst umfassend in den Händen der Jugendlichen blieb. Bei den Verhandlungen der Jugendlichen mit den (durchaus wohl gesonnenen) Mitarbeiter/innen des Grünflächenamtes war es entscheidend, den Spielraum für das Verwaltungshandeln durch detaillierte Vorgaben möglichst klein zu halten (»Was kostet denn nun ein Quadratmeter Asphalt und wie viel können wir uns davon leisten?«).

Jugendtreff am Miesheimer Weg. Eröffnungsfest noch in diesem Sommer?
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Ein bis zwei Jahre sind schon fast eine andere »Jugendgeneration«. In dem Zeitraum können sich jedenfalls Neigungen, Bindungen und Interessen von Jugendlichen komplett verändern. Auf dem Höhepunkt der Dynamik zählte ich 38 beteiligte Jugendliche, später hatte ich mit 10 bis 20 ganz anderen zu tun. Länger dauernde Projekte bedürfen also der Reorganisation. Dazu musste ich auch schon mal meine eigene Regel brechen, z.B. nicht stellvertretend zu handeln. Das für das Projekt Notwendige musste getan werden.

Mein Ansatz erfordert es, sich auf offene Situationen – ohne Erfolgsgarantie – einzulassen. Die nachträgliche Bewertung ist schwierig. Wie misst man Erfolg? Wie misst man persönliche Entwicklung? Vielleicht daran, dass bis heute viele der ehemaligen Jugendlichen auf die Frage, wer denn den Bau dieses Jugendtreffs erreicht habe, mit »Na, wir!« antworten (Die Art und Kürze des Beitrages lässt nicht zu, dass ich alle meine Aussagen begründe oder belege. Das hole ich auf Anfrage gerne nach).

Bei der rückwärtigen Betrachtung des Projektes anlässlich dieses Buches einige Zeit nach dessen Abschluss fiel mir ein Bericht des Deutschen Jugendinstitutes (1999 im Auftrag des BMFSFU) auf, in dem die zunehmende Beteiligung von Jugendlichen und Kindern im kommunalen Bereich untersucht wurde. Bei dessen Lektüre blieben mir einige kritische Fragen zur Qualität dieser Beteiligungen:

  • Wie weit geht die Aktivierung dabei wirklich?
  • Wird an den Interessen der Jugendlichen angesetzt oder sucht sich da eine Projektidee die passenden Kinder?
  • Erschöpft sich die Beteiligung in einer Umfrage, in der man für A oder B stimmt?
  • Welche Kinder werden erreicht? Wie ist das Verhältnis von Mädchen und Jungen, von deutschen und Migrationsfamilien, von Ober- und Sonderschülern?
  • Handelt es sich um eine Ernstsituation oder um eine Spielwiese?
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Büro für Gemeinwesenarbeit der Ev. Gemeinde zu Düren
Philippstraße 4
52349 Düren
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Andreas Bohm