Befragung des Einzelhandels (Essen-Altendorf)

Ausgangslage/Rahmenbedingungen

Frauen und Männer sitzen in Stuhlreihen und blicken nach vorne.
Einzelhandel im Quartier

Im Stadtteil Altendorf, der unmittelbar an den Essener Innenstadtbereich angrenzt, leben etwa 22.800 Personen (31.12.95). Defizite im infrastrukturellen Bereich und im öffentlichen Raum (u.a. geringe Freiraumanteile, fehlende Durchgrünung und mangelhafte Gestaltung), hohes Verkehrsaufkommen, dichte Bebauung sowie eine vorhandene Drogenszene und Konflikte zwischen Deutschen und Ausländer/innen in Teilbereichen des Stadtteils beeinträchtigen die Lebensqualität der Stadtteilbewohner/innen (Stadt Essen: Handlungskonzept für Essen-Altendorf – Stadtteil mit besonderem Erneuerungsbedarf. Essen 1998).

Im Bereich der lokalen Ökonomie ist ein stetiger Rückgang des Einzelhandelsbesatzes zu verzeichnen. Als problematisch erscheinen deutliche »trading-down-Prozesse« wie die hohe Leerstandsquote, die Zunahme von Imbissbuden, Spielhallen und Secondhand-Geschäften, eine hohe Fluktuation sowie Angebotslücken unter anderem in der wohnungsnahen Versorgung. Diese Entwicklungen belasten das Klima nicht nur in Teilen des Bezirkes, sondern auch im Verhältnis der Bewohner/innen zu Politik und Verwaltung.

Anknüpfend an bereits bestehende stadtteilbezogene Aktivitäten wurde 1997 im Stadtteil Altendorf auf der Grundlage eines Kooperationsvertrages mit der Stadt Essen, der Universität Essen (Institut für Stadtteilbezogene Soziale Arbeit und Beratung/ ISSAB), dem Diakoniewerk Essen und dem Ev. Heimstättenwerk (Nach der Fusion von Diakonischem Werk und Ev. Heimstättenwerk seit 1/98 Diakoniewerk) ein Stadtteilprojekt initiiert, um vorhandenen Problemlagen mit einem integrierten Stadtteilentwicklungsansatz zu begegnen.

Ein integriertes Handlungskonzept umfasst neben einer Stärken- und Schwächenanalyse des Stadtteils für alle relevanten Handlungsfelder (wie etwa Soziales, Gesundheit, Bildung, Wohnen, Verkehr, Infrastruktur, Freizeit, Kultur, Ökonomie etc.) vielfältige Projektvorschläge, die in Kooperation mit lokalen Akteuren und Bewohner/innen umgesetzt werden. Die Aktivierende Befragung der Einzelhändler/innen ist eine von vielen Aktivitäten des Stadtteilentwicklungs-Projektes.

Ziele der Aktivierenden Befragung

Nachdem sich bereits zu Beginn des Quartiersmanagementprozesses (Zum Quartiersmanagement in Essen siehe v.a.: Grimm, Gaby/Micklinghoff, Gabriele/Wermker, Klaus: Erforderlich: Freude am Kontakt mit verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Quartiers­management – das Essener Modell. In: Sozial Extra 07/2001, S. 37–41) in ausgewählten Wohnbereichen Altendorfs auf Grund aktivierender Bewohnerbefragungen eine Vielzahl von Aktivitäten und Projekten entwickelt hatten, wurde in Kooperation zwischen dem Stadtteilprojekt Altendorf und der Ruhruniversität Bochum beschlossen, eine Untersuchung zum Altendorfer Einzelhandel nicht auf eine Bestandsanalyse zu beschränken, sondern mit aktivierenden Befragungsbausteinen zu ergänzen.

Die Befragung hatte zum Ziel, die Situation im Bereich der lokalen Ökonomie und Ideen zur Verbesserung aus Sicht des Einzelhandels darzustellen und vorhandene endogene unternehmerische Potenziale (z.B. aktuelle inhaltliche und organisatorische Zusammenarbeit, Aktivierungs- und Vernetzungspotenzial der Einzelhändler) zu ermitteln und möglichst viele Geschäftsleute zur Mitarbeit zu bewegen.

Besonderheiten der Vorgehensweise

Die im Rahmen einer Einzelhandelsuntersuchung eingebettete »Aktivierende Befragung« wurde in Kooperation zwischen dem Stadtteilprojekt Altendorf und der Ruhruniversität Bochum durchgeführt. Die Stadt Essen hatte Interesse an einer Bestandsaufnahme des Einzelhandels und die Bearbeitung dieses Auftrages wurde mit dem Verfassen einer Diplomarbeit und praxisbezogen Seminaren der Universitäten Bochum und Essen verknüpft. Die flächendeckende Befragung von 121 Einzelhändlern war im Grunde nur durch die Mitarbeit von Studierenden sowie Mitarbeiter/innen des Stadtteilprojektes und das hohe Engagement des Diplomanden (80% der Interviews) im Zeitraum von 5 Wochen möglich.

Die Ergebnisse der Bestandsanalyse und Befragung (Weinmann, Michael: Lokalökonomische Strategien zur Stärkung des Einzelhandels in Stadtteilen mit besonderem Erneuerungsbedarf – Eine Stärken-Schwächen-Analyse des Einzelhandels in Essen-Altendorf. Diplomarbeit Ruhr-Universität Bochum 2001) wurden in einer ersten Versammlung im Frühjahr 1999 öffentlich vorgestellt und diskutiert. Die Befragung lieferte in den Elementen der »Aktivierenden Befragung« sehr konkrete Ergebnisse bei der Stärken-Schwächen-Analyse und den Ideen und Vorschlägen seitens der Einzelhändler/innen. Darüber hinaus konnten gute Aussagen über das Kooperationsverhalten der Geschäftsleute (z.B. Inaktivität und schlechtes Image des damaligen Werberings, kaum unternehmerische Zusammenarbeit und Verflechtungen), und deren Identifikation mit dem Stadtteil (mentale Absetzbewegungen, Identifikationsverlust, Identifikation über die »besseren« Zeiten im Stadtteil) getroffen werden.

Als ausschließliches Instrument für eine stärkere Beteiligung der Kaufleute an Aktivitäten reicht die Befragung jedoch nicht aus, da eine hohe Diskrepanz zwischen geäußerter Bereitschaft zur Mitarbeit und tatsächlicher Aktivität bestand. Ein wirklicher Aktivierungsschub in direktem Zusammenhang mit der Befragung ist ausgeblieben. Zu vermuten ist, dass dies u.a. mit dem für eine Aktivierende Befragung relativ langen Zeitraum zwischen Befragung im März und erst im Juli stattfindender Versammlung zusammenhängt. Ausgehend von der ersten Versammlung, an der nur wenige Einzelhändler/innen teilnahmen, haben sich folgende Aktivitäten unter Beteiligung der Kaufmannschaft des Werbering entwickelt:

  • Bildung von zwei Arbeitskreisen (Marketing und Verkehr)
  • Logowettbewerb und Stadtteilfest vorangetrieben durch AK Marketing
  • Gründung der Initiative Altendorf e.V.
  • verschiedene Marketingaktivitäten
  • Genehmigung und Umsetzung eines Antrages an die Bezirksvertretung zur Verbesserung der Parkplatzsituation (in Kooperation mit dem AK-Verkehr)
  • Workshop zum Thema »Lokale Ökonomie« mit der Entwicklung konkreter Handlungsfelder und Maßnahmen.

 

Erkenntnisse

Es hat sich bewährt:

  • die Kooperation zwischen den Hochschulen und der Kommune
  • die Kombination einer klassischen Bestandsaufnahme mit aktivierenden Befragungselementen, da die Befragung ein sehr gutes Bild über die Stärken und Schwächen von Stadtteil und Einzelhandel, Bedürfnisse des Einzelhandels und aktuelles Kooperationsverhalten liefert
  • eine Einbettung der Untersuchung in die Aktivitäten des Stadtteilprojektes Altendorf, d.h. in die Projekte und Maßnahmen des integrierten Handlungskonzeptes
  • die persönliche Einladung zu der Versammlung
  • die enge Kooperation zwischen der Kommune und dem örtlichen Werbering.

Die erstmalige Durchführung eines Altendorfer Stadtteilfestes verbunden mit einer Logo-Kampagne als Folge der Aktivierung hatte für die beteiligten Akteure des Einzelhandels, der Vereine und Institutionen vor Ort und des Stadtteilprojektes Altendorf (Stadt Essen, Universität Essen und Diakoniewerk) hohe Lerneffekte. Mittlerweile wird das Stadtteilfest jährlich durchgeführt.

Kritische Punkte

  • Der Versammlungstermin sollte mit der örtlichen Werbegemeinschaft oder zentralen Akteuren abgestimmt werden
  • Im konkreten Fall wurde die erste Versammlung erst 4 Monate nach der Befragung gemeinsam mit dem Altendorfer Werbering, der ein sehr schlechtes Image bei den Kaufleuten hatte, durchgeführt. Wichtig ist eine zeitliche Nähe von Befragung und erster Versammlung.
  • Deutlich wurde, dass Image und Rolle (Kooperationsbereitschaft) des Werberings stark personenabhängig ist. Bei einem schlechten Image der örtlichen Einzelhandelsvertretung müssen zeitliche und personelle Ressourcen in die Kontaktaufnahme zu den Kaufleuten und gegebenenfalls die Entwicklung alternativer Kommunikations- und Kooperationsstrukturen investiert werden.
  • Da die Einzelhändler/innen in der Regel durch ihren Beruf zeitlich stark gebunden sind, gestaltet sich eine breite Mobilisierung äußerst schwierig. (Die grundsätzliche Bereitschaft zur Mitarbeit der Einzelhändler/innen waren oft Lippenbekenntnisse, sodass es zu einer starken Diskrepanz zwischen Bereitschaft und tatsächlicher Aktivität gekommen ist.)
  • Es scheint eine kontinuierliche Ansprechperson für den Bereich der lokalen Ökonomie erforderlich zu sein; ohne stetige Unterstützung / Koordination durch die öffentliche Hand verlaufen Aktivitäten im Sande.
  • Speziell im Handlungsfeld »Lokale Ökonomie« scheint eine Verknüpfung von lokalspezifischen und gesamtstädtischen Strategien sinnvoll zu sein. Dies bedeutet dann auch eine Zusammenarbeit zwischen den Akteuren des Quartiersmanagements mit den relevanten Akteuren im Bereich der Wirtschafts- und Beschäftigungsförderung sowie des Stadtmarketing.
  • Die Mitarbeit der Kaufmannschaft an konkreten Projekten oder Aktivitäten bietet ein höheres Kooperationspotenzial als die Gründung neuer »formeller« Gremien.
  • In Altendorf fehlen noch ausreichende Kontakte zwischen deutschen und nicht-deutschen Einzelhändlern; bislang ist der nicht-deutsche Einzelhandel nicht organisiert.
  • Das im Rahmen einer öffentlichen Kampagne gewählte Logo für Altendorf wird von den Einzelhändlern kaum genutzt.

Die Ergebnisse der Bestandsanalyse und Befragung4 wurden in einer ersten Versammlung im Frühjahr 1999 öffentlich vorgestellt und diskutiert. Die Befragung lieferte in den Elementen der »Aktivierenden Befragung« sehr konkrete Ergebnisse bei der Stärken-Schwächen-Analyse und den Ideen und Vorschlägen seitens der Einzelhändler/innen. Darüber hinaus konnten gute Aussagen über das Kooperationsverhalten der Geschäftsleute (z.B. Inaktivität und schlechtes Image des damaligen Werberings, kaum unternehmerische Zusammenarbeit und Verflechtungen), und deren Identifikation mit dem Stadtteil (mentale Absetzbewegungen, Identifikationsverlust, Identifikation über die »besseren« Zeiten im Stadtteil) getroffen werden.

Symbol: »Adresse« (ein Stift zeigt auf das Adressfeld eines Briefes)

Dipl. Päd. Gaby Grimm
Freie Mitarbeiterin am Institut für Stadtteilbezogene Soziale Arbeit und Beratung der Universität Essen, Holzstr. 7–9, 45141 Essen
Telefon (01 77) 6 88 76 65
E-Mail: gaby.grimm@gmx.de

Michael Weinmann, Dipl. Geogr.
agiplan Project Management
Zeppelinstr. 301
45470 Mühlheim/Ruhr
Telefon (02 08) 9 92 53 66
E-Mail: miw@agiplanpm.de