Die Wurzeln: Saul D. Alinsky

Seite 3: Der Weg zum Organizer

»Wie die Gewerkschaften Dachverbände organisieren, so möchte ich Stadtteile organisieren.«

Parallel zu einem von der Universität initiierten Projekt für kriminalitätsgefährdete Jugendliche im Stadtteil Back of the Yards beginnt Alinsky, die Erwachsenen zu organisieren. Ihnen drohen die ökonomischen Probleme über den Kopf zu wachsen, sie verlieren den Einfluss auf ihre heranwachsenden Kinder.
Der Stadtteil hinter den Schlachthöfen ist damals in Chicago das Viertel mit dem ganz besonderen Entwicklungsbedarf. Hier befindet sich der größte Schlachthof der Vereinigten Staaten. Die Wohn- und Arbeitsbedingungen stinken wortwörtlich zum Himmel. Die großen Firmen der Fleischverpackungsindustrie teilen sich die Macht. Eine Vielzahl von Einwanderergruppen bevölkert den Stadtteil. Es gibt ethnische, religiöse und politische Konflikte zwischen den Gruppen.
Hier lernt Alinsky Gewerkschafter kennen, darunter John Llellewyn Louis, der damals erfolgreich den Kampf der amerikanischen Arbeiter anführte und die zerstrittenen Einzelgewerkschaften zu einem mächtigen Gewerkschaftsbund zusammenführte. Bei Louis lernt Alinsky das Prinzip der Organisation von Organisationen kennen und den Gewinn, den ein geeinter Verband für die Verhandlungsführung in den industriellen Produktionsbeziehungen bedeutet.
Alinsky befand, dass eine parallele Organisation der Bürger im Reproduktionsbereich nötig wäre. Er beschloss deshalb Community Organizer zu werden und den Stadtteil zu organisieren. Es entsteht das »Back-of-the-Yards Neighborhood Council«, ein Zusammenschluss von 127 Vereinen und Organisationen. Für den von den Gewerkschaften geplanten Streik gegen die Fleischverpackungsindustrie organisiert diese Community Organization die Unterstützung der im Stadtteil sehr wichtigen katholischen Kirche. Der Schulterschluss von Kirche und Gewerkschaft führt zum Einlenken der Fleischverpackungsindustrie und damit zum ersten großen Sieg des Bürgerforums. (10)

»Welfare is hellfare — zum Teufel mit den Wohlfahrtsorganisationen.«

In dieser Phase kritisiert Alinsky das Verhalten herkömmlicher Wohlfahrtsorganisationen. Er wirft ihnen vor, »sie erklären den Menschen, dass sie in der Hölle leben und bringen sie dann auch noch dazu, sich dort wohlzufühlen«. Ihr Standesdünkel und ihre Besserwisserei wirkten der Motivation und Fähigkeit der Menschen entgegen, ihre Angelegenheiten in die eigenen Hände zu nehmen. Die Menschen würden auf diese Weise dazu gebracht, sich wie Schafe in ein nur vermeintlich gut geordnetes Schicksal einzufügen. (11)

»Eine integrierte Nachbarschaft gibt es nur in der Zeit zwischen dem Zuzug der ersten schwarzen Familie und dem Auszug der letzten weißen Familie aus diesem Stadtteil.«

Der Kampf gegen diesen Untertanengeist und die darin beschlossene Sklavenmentalität, wird zu einem wichtigen Thema in Alinskys nächstem Projekt. Im Chicagoer Stadtteil Woodlawn organisiert Alinsky vornehmlich schwarze Bürger/innen. Er hilft ihnen, sich selbst zu organisieren, Sprecher und Führungspersönlichkeiten auszubilden. Er wird so schließlich zu einem Wegbereiter der Bürgerrechtsbewegung in Chicago. Aus der »Woodlawn Organization« entstehen Projekte des sozialen Wohnungsbaus. Hundert Jahre nach dem offiziellen Ende der Sklaverei in den Vereinigten Staaten durch Präsidenten Abraham Lincoln fordert Alinsky eine zweite amerikanische Revolution – er fordert eine moralische Revolution: die Überwindung der Sklavenmoral. (12)