Die Wurzeln: Saul D. Alinsky

Seite 1: Soziale Herkunft

Kindheit und Jugend

Um etwas über die Wurzeln des Community Organizing (CO) zu erfahren, wird immer wieder auf »Let the People Decide – Neighborhood Organinzing in America« von Robert Fisher (1994) zurückgegriffen (1). Fisher beschreibt die Entwicklung des CO seit den 1880er Jahren, vom »Social Welfare Organizing« über das »Radical Neighborhood Organizing« der 1930er und 1940er Jahre bis heute.
Werden Zeitzeugen befragt, so stößt man bis heute auf den Chicagoer Soziologen Saul David Alinsky (1909–1972), der als eigentlicher Begründer dieses Handlungsfeldes bezeichnet werden muss. Wer war Alinsky?

Alinsky wurde durch seine Projekte in den Stadtteilen von Chicago Back of the Yards und Woodlawn berühmt, in denen er Bürgerforen aufbaute, damit die Infrastruktur verbesserte und die später im ganzen Land berühmt wurden. Er schrieb zwei Bestseller »Reveille for Radicals« (1946) und »Rules for Radicals« (1970), die sein Vermächtnis der politischen Erwachsenenbildung darstellen. »Radikal sein«, meint, »die Dinge bei der Wurzel fassen«. Die Wurzel des Menschen aber ist der Mensch. Es sollte also bei dem Menschen Alinsky begonnen werden, um zu verstehen, wie alles anfing. (2)

»Wo keiner wie ein Mann ist, sei da ein Mann!«

Alinsky wächst in einer jüdischen Familie auf, in einem Ghetto im Ghetto. Seine Eltern, Einwanderer aus Weißrussland, versuchen zunächst, ihn traditionell zu erziehen. Der junge Alinsky liefert sich aber Straßenschlachten mit den anderen Gangs im Ghetto. Schließlich wissen sich die Eltern nicht mehr zu helfen und schleppen den jungen Alinsky vor den Rabbiner. Alinsky verteidigt sich für seine Missetaten mit einem Wort aus der Bibel: »Auge um Auge, Zahn um Zahn« und deutet diese Haltung als den »American Way of Life«. Dem Rabbiner gefällt der intelligente Junge und er erwidert mit einem Ausspruch von Rabbi Hillel aus dem Talmud: »Wo keiner wie ein Mann ist, sei da ein Mann!« Dieses Statement wird zu einem wichtigen Motto im Leben Alinskys. (3)

»Das Ghetto ist eine Geisteshaltung.«

Später lernt Alinsky den aus Deutschland emigrierten jüdischen Sozialarbeiter und Soziologen Louis Wirth kennen. In dessen Untersuchung über das amerikanische Ghetto geht er der Frage nach, warum die (jüdischen) Einwanderer in der Neuen Welt freiwillig Ghettos bilden, also eine Lebensweise reproduzieren, zu der sie in der Alten Welt gezwungen waren. Er kommt auf ökonomische Gründe, die Notwendigkeit nachbarschaftlicher Hilfe in einer Einwanderungsgesellschaft, aber auch darauf, dass das Ghetto eine Geisteshaltung sei, welche die Menschen daher beengen und beschränken kann, die aber auch zu überwinden ist. (4) Jahre später wird Alinsky schreiben: Die Einwanderergemeinschaften sind »buchstäblich Inseln europäischer Kultur, nach Amerika transportiert und den Städten aufgepfropft«. (5) Gemeinschaft funktioniert, so Alinsky, wie ein Kokon: »Nachdem die Immigranten und ihre Kinder sich eine Zeit lang in diesen kulturellen Kokons entwickelt haben, in ihren Köpfen amerikanische Informationen und Einstellungen aufgenommen haben und in ihren Taschen amerikanisches Geld, kommen sie hervor, breiten ihre Flügel aus und machen sich auf den Weg in die amerikanische Gesellschaft.« (6)