Pfefferwerk Verbund

Brauereigelände mit dem Schriftzug »Pfefferberg« an einer Straße. Die Bäume auf und vor dem Gelände tragen keine Blätter, im Hintergrund umringen die Brauerei Häuserfronten.

Der »Pfefferwerk Verbund« ist ein Netzwerk sozial-kultureller und gewerblicher Einrichtungen, die auf dem denkmalgeschützten Pfefferberg Brauereigelände im Berliner Stadtteil ­Prenzlauer Berg angesiedelt sind. Die Verbund-Organisationen verfolgen das gemeinsame Ziel, durch gemeinwesenorientierte Angebote die Lebens-, Arbeits- und Wohnbedingungen im Umfeld nachhaltig zu verbessern. Der Verbund ist neben seinem breiten inhaltlichen Programmspektrum vor allem in Hinblick auf seine organisatorische Konstruktion bemerkenswert, da er viele unterschiedliche Rechtsformen integriert.

Entwicklungsgeschichte

Als erste organisierte Gruppe nahm 1990 eine Initiative von Anwohner/innen, Künstler/innen, sozial Engagierten und Kleingewerbetreibenden das Pfefferberg-Gelände für die sozial-kulturelle Nutzung in Beschlag. Während anderenorts Besetzungen en vogue waren, wählte die Initiative den steinigen Weg der formalen Verhandlungen mit der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft, die das Gelände für die Eigentümer Bund und Land verwaltete. Um ihre Interessen gebündelt zu vertreten, gründete das Bündnis den »Pfefferwerk – Verein zur Förderung von Stadtkultur e.V.«. Dieser entwickelte zusammen mit der Stattbau Stadtentwicklungsgesellschaft mbH ein Bau- und Finanzierungskonzept für die Umnutzung und Sanierung des Geländes, die bis heute schrittweise umgesetzt wird.

Der Verein betrieb in der Anfangszeit vor allem Veranstaltungen im sozio-kulturellen Bereich. 1991 gründete er die »Pfefferwerk Stadtkultur gGmbH« aus, die bis heute gemeinwesenorientierte Kinder-, Jugend- und Stadtteilarbeit betreibt und Programme zur Beschäftigungsförderung umsetzt. Darüber hinaus bot der Verein rund 50 Organisationen und Initiativen, die sich um den Pfefferberg herum gruppierten, strukturelle Unterstützung und Beratung an.

Der Basischarakter der Aktivitäten auf dem Pfefferberg wurde mit Wachstum und Spezialisierung der Organisationen zunehmend schwerer handhabbar, da sich Vollversammlungen nicht mehr sinnvoll mit allen Einzelheiten der Arbeitsbereiche auseinandersetzen konnten. Daher begann ab 1993 eine Phase der strukturellen Differenzierung, in der der »Pfefferwerk Verbund« fast jedes Jahr um eine Organisation reicher wurde. In chronologischer Folge entstanden unter anderem der »Sportverein Pfefferwerk e.V.« (1994), die »Pfefferwerk Gesellschaft zur Entwicklung und Verwaltung von Gebäuden und Liegenschaften mbH« (1995), die »Stiftung Pfefferwerk« (1999), die Genossenschaft »Gemeinschaftsdienste Pfefferwerk e.G.« (2000), die »Pfefferwerk Aktiengesellschaft« (2001) und die »Freunde der sozialen Stadtkultur e.V.« (2002). Auch ein anderer Träger, der Verein »mob – obdachlose machen mobil e.V.«, schloss sich dem Verbund an.

Im Folgenden sollen vor allem die eben genannte GmbH, die Stiftung und die Aktiengesellschaft kurz erläutert werden, deren Gründung jeweils mit der Bindung von Kapital im Verbund in Zusammenhang stand.

Pfefferwerk Gesellschaft zur Entwicklung und Verwaltung von Gebäuden und Liegenschaften mbH:
Anlass zur Gründung dieser GmbH gab 1995 der geplante Kauf einer für die Gemeinwesenarbeit genutzten Immobilie im Stadtteil, für den externe Investoren gewonnen werden sollten. Da diese ihr Kapital nicht in einen gemeinnützigen Träger einbringen wollten, wurde eine gewerbliche GmbH gegründet, deren Gesellschafter der »Pfefferwerk e.V.« und die »Pfefferwerk Stadtkultur gGmbH« wurden. Die so entstandene Gesellschaft erwarb im weiteren auch andere Gebäude für den Verbund, verwaltet bis heute seine Immobilien und setzt das Entwicklungskonzept für das Gelände mit um.

Stiftung Pfefferwerk:
Der Verhandlungsprozess um Nutzung und Kauf des Pfefferberg-Geländes fand 1999 nach rund zehn Jahren seine Lösung in der Errichtung der »Stiftung Pfefferwerk«. Mit einer Mischung aus Eigen- und Fremdkapital kaufte die »Pfefferwerk Stadtkultur gGmbH« das Grundstück und überschrieb es der Stiftung als Stiftungsvermögen. Die Kapitalgeber organisierten sich daraufhin in der »Pfefferberg Entwicklungs GmbH & Co. KG«, die das Grundstück auf 99 Jahre von der Stiftung pachtet und es an die angesiedelten Organisationen und Gewerbetreibenden vermietet. Diese Konstruktion wurde dem Verbund aufgezwungen, da Eigentümer und Kapitalgeber seine Kompetenz zum Betrieb der Immobilie in Frage stellten. Die Stiftung wird von einem fünfköpfigen Stiftungsrat geleitet, in dem Land und Bezirk je einen Sitz stellen, während die verbleibenden Personen durch den eigens hierfür gegründeten Verein »Freunde der sozialen Stadtkultur e.V.« benannt werden. Im Zuge der Reorganisation wurde auch die »Pfefferwerk Stadtkultur gGmbH«, die mittlerweile auf über 300 Mitarbeiter angewachsen ist, der Stiftung übertragen.

Pfefferwerk Aktiengesellschaft:
Gegen Ende der 90er Jahre begann mit dem Anschwellen der Gastronomieumsätze im Kulturbetrieb des »Pfefferwerk e.V.« der wirtschaftliche Anteil seiner Tätigkeiten übergewichtig zu werden. Nachdem das Finanzamt den drohenden Verlust der Gemeinnützigkeit des Vereins angemahnt hatte, wurde klar, dass der Kulturbetrieb ausgelagert werden musste. Da für die Entwicklung des Pfefferbergs weiterhin Fremdkapital notwendig war, entstand im Steuerungskreis des Verbunds die Idee, Kleinaktionäre über die Emission von 50-Euro-Aktien zu werben. Die Umsetzung der AG-Gründung erwies sich allerdings als zäh: So stellten sich vor allem die bürokratischen Vorarbeiten als aufwendiger heraus als gedacht. Da die Gesellschaft somit erst 2001 starten konnte – ein Jahr, in dem Aktiengeschäfte nicht mehr den besten Stand hatten –, ging das Finanzierungsmodell nicht auf (die AG hat heute lediglich 17 Aktionäre). Die Auslagerung führte jedoch zu einer Professionalisierung des Kultur- und Veranstaltungsbetriebs und zu einer Verbreiterung des Programmspektrums, das sich mit der marktbezogenen Orientierung nun auch kommerziell messen lassen muss.

Konstruktion

Der »Pfefferwerk Verbund« ist keine hierarchische Holding, sondern ein Netzwerk, dessen Teile durch Beteiligungen, Personenidentitäten der Mitglieder und Vorstände sowie Leistungsbeziehungen und Kooperationsprojekte miteinander verstrickt sind. Die Koordination des Verbundes basiert somit vor allem auf fortlaufenden Abstimmungsprozessen und Absprachen. »Wenn jemand etwas machen möchte, eine Idee hat oder sagt ‚Hier ist es ganz wichtig zu agieren‘, dann muss er die anderen davon überzeugen, dass das richtig oder wichtig ist, und wird nicht darauf treffen, dass alle ‚Hurra!‘ schreien und da mitmachen. Das ist manchmal ein langer Überzeugungsmarathon«, erklärt Torsten Wischnewski, Vorsitzender der »Stiftung Pfefferwerk«.

Zentrale Steuerungselemente sind dabei im Verbundkonzept minimiert. Neben 14tägigen Abstimmungsrunden zu einzelnen Themen (wie etwa der Entwicklung einer neuen Geschäftsstelle oder einem gemeinsamen Problem auf dem Gelände) treffen sich die rund 15 formellen und informellen Führungspersonen aus den Organisationen einmal im Jahr zu einer zweitägigen Klausurtagung, in der die langfristige Strategie des »Pfefferwerk Verbunds« entwickelt wird. Gemeinsame Strukturen gibt es derzeit nur im Öffentlichkeitsauftritt (Webseite, Broschüre und Jahresbericht), im Sekretariatsdienst und in der Personalverwaltung. Letzteres berührt allerdings mitunter bereits die Schmerzgrenze der Autonomie, da delikate Informationen (wie etwa Gehälter) nicht von jedem im Verbund preisgegeben werden wollen – ein Grund warum auch die Idee einer gemeinsamen Buchhaltung für die Pfefferwerk-Organisationen gescheitert ist.

Kritische Punkte

Die dezentrale Steuerung des »Pfefferwerk Verbundes« lässt sich gleichzeitig als Stärke und Schwäche sehen. Kritisch ist daran, dass die Verbindlichkeit von Entscheidungen in der losen Netzwerkform leicht intransparent wird und dass es keine Möglichkeit gibt, einzelne Organisationen an eine strategische Linie zu binden. Ferner besteht die Gefahr, dass Synergien zwischen den Mitgliedsorganisationen nicht genutzt werden und dass Redundanz von Know-how und Infrastruktur entsteht. So haben sich etwa Einkaufspools bislang nicht durchgesetzt, da den meisten Organisationen die Wege der zentralen Koordination zu lang erscheinen. Während die lose Organisationsform in der Anfangszeit des Verbundes uneingeschränkt sinnvoll war, um Entwicklungen Raum zu geben, steht sie heute der Konsolidierung manchmal im Wege. Andererseits zeigt die Geschichte des Verbunds, dass auch eine zentrale Top-Down-Planung nicht das Wahre ist, wenn Personen an der Basis fehlen, die hinter den jeweiligen Entscheidungen stehen.

Interne Konflikte entstehen vor allem im Zusammenhang mit Gestaltungsansprüchen und mit der Ressourcenverteilung bei Kooperationsprojekten zwischen den Verbundmitgliedern. Dies ist in der Planungsphase, in der Aufgaben und Pflichten beschrieben werden, stärker der Fall als in der Umsetzung der Projekte. Der starke Konkurrenz-Druck, unter dem nicht nur die gewerblichen Organisationen stehen, bewirkt zudem oft einen »Protektionismus«, der verhindert, dass alle Karten offen auf dem Tisch liegen.

Erfolgsfaktoren

Trotz der genannten Spannungen und der unterschiedlichen Leitungsstile im Verbund haben die Organisationen auf dem Pfefferberg eine grundsätzlich ähnliche Kultur und ein gemeinsames Zielverständnis, das die Gräben im Tagesgeschäft immer wieder überbrückt. Den Vorteil der dezentralen Steuerungsform sieht Torsten Wischnewski darin, dass das Wissen um spezifische Vorgänge nah am Ort der Tätigkeit liegt und die einzelnen Organisationen Umweltveränderungen mit feinerer Sensorik aufnehmen und dadurch intelligent und schnell reagieren können. Zudem hat die freiwillige Abstimmung in der Regel eine hohe Motivationskraft: »Wenn man sich entschieden hat für eine Sache, wenn alle das zusammen entschieden haben – das ist ein sehr gutes Fundament«, resümiert Wischnewski.

Natürlich braucht die Netzwerkarbeit Zeit, Ressourcen und Menschen, die sich auf die oft langwierigen Abstimmungs- und Aushandlungsprozesse einlassen. Einer der kritischen Erfolgsfaktoren in der bemerkenswerten Entwicklung des »Pfefferwerk Verbunds« sind daher die Personen, die mit hohem persönlichem Engagement und über lange Zeit am Aufbau gearbeitet haben.

Symbol: »Adresse« (ein Stift zeigt auf das Adressfeld eines Briefes)

Pefferwerk Verbund
c/o Stiftung Pfefferwerk
Fehrbelliner Str. 92
10119 Berlin
Tel.: (0 30) 44 37 17-6
Fax: (0 30) 44 37 17-46
www.pfefferwerk.de