Forschung zum Thema

Während sich jenseits des Atlantiks seit ein paar Jahren eine lebhafte »social enterprise«-Szene entwickelt, die sich mit Strategien der Eigenmittel-Erwirtschaftung im Nonprofit-Bereich auseinandersetzt und an entsprechenden Rahmenbedingungen arbeitet, ist hierzulande das Interesse am Thema gerade erst am Entstehen. Während Untersuchungen mit einer volkswirtschaftlichen Perspektive, insbesondere mit arbeitsmarktbezogenem Bezug, häufiger sind, steckt die Forschung über Geschäftsaktivitäten im gemeinnützigen Kontext in Deutschland noch in den Kinderschuhen. Zielgenaue Daten über Geschäftsbetriebe im Nonprofit-Bereich liefern vor allem neuere Studien aus den USA, die jedoch in ihrer Übertragbarkeit auf den gemeinnützigen Bereich in Deutschland zu prüfen sind. Im Folgenden werden ausgewählte Ergebnisse aus vier Studien vorgestellt.

Johns Hopkins Project (JHCNP)

Die meist beachtete Studie, die auch zur Finanzierung im Dritten Sektor Aufschluss gibt, ist das »Johns Hopkins Comparative Nonprofit Sector Project«, in dessen Rahmen Nonprofit-Organisationen in 40 Ländern untersucht und nach Branchen verglichen wurden. Eine Teilstudie des Projektes zur Lage in Deutschland wurde von Eckhard Priller und Annette Zimmer unternommen. Die Ergebnisse im Teilbereich »Finanzierung« zeigen für Deutschland eine vergleichsweise hohe öffentliche Finanzierungsquote und einen geringen philanthropischen Anteil. Auch die selbsterwirtschafteten Einnahmen liegen hierzulande deutlich unter dem internationalen Durchschnitt.
Diese Zahlen bedürfen insofern einer Erläuterung, als in der Studie zum Bereich der öffentlichen Hand nicht nur staatliche Förderungen, sondern etwa auch Leistungsentgelte der Sozialversicherungen und Aufträge von öffentlichen Trägern gezählt werden. Als selbsterwirtschaftete Mittel gelten demgegenüber Mitgliederbeiträge, Gebühren und Entgelte aus Geschäften auf dem »privaten« Markt. Dies ist insofern entscheidend, als viele Leistungsverträge mit öffentlichen Kostenträgern heute gar nicht mehr trennscharf von marktbezogenen Geschäften zu unterscheiden sind. Dies hat , wie eingangs erwähnt, einerseits mit der Praxis des stärker marktorientierten »New Public Management« zu tun, gleichzeitig aber auch mit Entwicklungen auf europäischer Ebene, etwa dem Vertrag von Amsterdam.

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Mehr Informationen unter: www.jhu.edu/~cnp

Öffentliche Hand Philantropische Mittel Selbst erwirtschaftete Mittel
Kultur und Erholung 20,4% 13,4% 66,2%
Bildung und Forschung 75,4% 1,9% 22,6%
Gesundheitswesen 93,8% 0,1% 6,1%
Soziale Dienste 65,5% 4,7% 29,8%
Umwelt- und Naturschutz 22,3% 15,6% 62,1%
Wohnungswesen und Beschäftigung 0,9% 0,5% 98,6%
Bürger- und Verbraucherschutz 57,6% 6,6% 35,8%
Stiftungen 10,4% 3,4% 86,2%
Internationale Aktivitäten 51,3% 40,9% 7,8%
Wirtschafts- und Berufsverbände 2,0% 0,8% 97,2%
Deutschland insgesamt 64,3% 3,4% 32,3%
Internationaler  Durchschnitt 42% 11% 47%
Johns Hopkins Projekt (Teilstudie Deutschland, 1995)
Quelle: Nehmermärkte und Nonprofit Bereiche (nach Johns Hopkins) – E. Priller, R. Graf Strachwitz, A. Zimmer. In: Fundrasing. Fundraising Akademie (Hrsg.) Gabler, Wiesbaden 2003.

Instruments and Effects

Eine der wenigen deutschen Forschungsbeiträge, die einen differenzierten branchenspezifischen Einblick in das Potential zur Eigenmittel-Erwirtschaftung im Dritten Sektor geben, ist die Göttinger Studie »Instruments and Effects«, die den Untertitel »Finanzierungsinstrumente zur Stabilisierung von Organisationen des Dritten Systems« trägt. Die Studie untersucht am Beispiel der Stadt Göttingen primär das Zusammenspiel von Finanzierung und Beschäftigung im Dritten Sektor, liefert aber auch einige aufschlussreiche Ergebnisse zum Thema wirtschaftlicher Betätigung gemeinnütziger Träger (die hier unter dem Kennwort »Verkaufserlöse« geführt wird). Die Studie stellt heraus:

  • Relevante Verkaufserlöse (ab 10% vom Gesamtbudget) werden bei 37% aller Träger erzielt. Dieser Prozentsatz variiert mit der Branche der Organisation: Im Sportbereich liegt er mit 62% aller Sporteinrichtungen am höchsten, im Umweltbereich bei 50%, im Kulturbereich bei 45% und im Sozialbereich bei 27% aller befragten Einrichtungen der jeweiligen Branche.
  • Außer im Sportbereich, in dem auch kleine Vereine eine Eigenmittelquote von mind. 10% aufweisen, gelingt es Organisationen des Dritten Sektor erst ab einer Mindestbudgetgröße, einen relevanten Budgetanteil mit Eigenmitteln zu bestreiten. Im Kulturbereich orientiert sich die Minimalgröße zum Aufbau von Projekten der Eigenmittelerwirtschaftung an der Existenz einer hauptamtlichen Struktur und liegt bei ca. 30.000 Euro im Jahr. Im Sozialbereich gelingt es lediglich Einrichtungen mit mindestens 100.000 Euro pro Jahr einen relevanten Geschäftsbereich aufzubauen und darüber zu einer 10%-igen Eigenmittelfinanzierung der sozialen Arbeit zu kommen.
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Mehr Informationen unter: www.instrumentsandeffects.de

New Social Entrepreneurs

Diese Studie wurde 1996 vom Roberts Enterprise Development Fund (REDF) erarbeitet. Sie dokumentiert Erfahrungen verschiedener US-basierter Community Organisationen beim Aufbau von Geschäftsbetrieben. Einige der Ergebnisse der Studie sind:

  • Die von Nonprofit-Organisationen gewählten Märkte haben oft geringe Einstiegsbarrieren, gehören zum Niedriglohnsektor und sind durch eine geringe Wertschöpfung charakterisiert. Daher ist der Markteinstieg oft leichter als die langfristige Etablierung der Geschäftsbetriebe.
  • Die soziale Ausrichtung der Träger-Organisationen, insbesondere im Bereich der Personalpolitik, wirkt sich für die Geschäftsbetriebe auf dem Markt in der Regel nachteilig aus.
  • Die Gründungsphase von Geschäftsbetrieben, die von Nonprofit-Organisationen getragen werden, dauert durch den parallel ablaufenden Veränderungsprozess in der Organisation meist länger als in der freien Wirtschaft.
  • In der Gründungsphase können Geschäftsbetriebe in der Regel keine Gewinne an ihre Träger ausschütten, da während dieser Zeit jeder Cent reinvestiert werden muss.
  • Netzwerkbildung hat einen großen Stellenwert beim Aufbau erfolgreicher Geschäftsbetriebe. Manager der Betriebe müssen neben Verbindungen zu öffentlichen Geldgebern, Stiftungen und der Nonprofit-Szene dabei auch im Unternehmens Bereich Netzwerke aufbauen.
  • Bei den meisten Projekten ließ sich eine einzelne Person als »Sozial-Unternehmer« (Social Entrepreneur) ausmachen, der Anstoß und Energie für die Geschäftsgründung gibt.
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Mehr Informationen unter: www.redf.org/

Enterprising Nonprofits

Diese wohl bislang umfangreichste Studie wurde 2000 von Cynthia Massarsky und Samantha Beinhacker von der »Partnerhsip on Nonprofit Ventures« durchgeführt, die ein Kooperationsprojekt der Yale School of Management und der Goldman Sachs Foundation ist. Die Erhebung der Daten erfolgte durch einen Online-Fragebogen, der von über 500 Nonprofit-Organisationen in den USA ausgefüllt wurde. Einige der Ergebnisse sind:

  • Von den befragten Nonprofit-Organisationen betreiben 42% Projekte zur Erwirtschaftung von Eigenmitteln. Im Kulturbereich liegt diese Quote mit 60% höher als im Gesundheitsbereich (45%), dem Umweltbereich (42%), dem Bildungsbereich (33%), und dem religiösen Bereich (26%).
  • Beim überwiegende Teil der Gründungen (87%) knüpft der Geschäftsbetrieb an die ideelle Arbeit der Trägerorganisation an. Drei Viertel der von den Nonprofits gegründeten Geschäftsbetriebe bieten dabei Dienstleistungen (und nicht materielle Produkte) an.
  • Finanzielle Ziele (Einkommensgenerierung, Unabhängigkeit, Diversifizierung) stehen bei über der Hälfte der Geschäftsgründungen im Vordergrund. Allerdings beobachten 75% der Organisationen durch ihre Geschäftsbetriebe positive »Halo-Effekte«. Zu diesen positiven Effekten zählt die Besserung der Reputation, der Arbeitsweise und Beziehungen sowie die Bereicherung der Organisationskultur.
  • Der durchschnittliche Anteil, mit dem die Geschäftsbetriebe zur Finanzierung der Nonprofit-Organisationen beitragen, liegt bei 12%.
  • Besonders erfolgreich sind Geschäfte, die auf Vermietung und Verpachtung beruhen.
  • Unterstützung durch die Organisationsführung ist ein kritischer Faktor im Erfolg des Geschäftsbetriebs – in 70% der Fälle wurden die Geschäftsgründungen »von oben« angestoßen. Bei den gescheiterten beträgt dieser Anteil nur 30%.
  • Geschäftsbetriebe, bei denen die Finanzierung von Anfang an gesichert ist, haben eine höhere Erfolgschance als solche, für die im Laufe der Gründung noch Kapital akquiriert werden muss.
  • Nur die Hälfte der Organisationen haben einen Businessplan für ihre Geschäftsgründungen geschrieben. Bei den gescheiterten Geschäftsbetrieben lag die Rate der angefertigten Businesspläne mit 39% unter dieser Zahl. Gute Geschäftsplanung hat somit einen positiven Einfluss auf den Geschäftserfolg.
  • Das Fehlen finanzieller Ressourcen und kompetenten Personals sind die Hauptgründe zur Entscheidung gegen den Aufbau von Geschäftsbetrieben.