Zivilcourage

Seite 2: Nach Till Bastian

Till Bastian

definiert Zivilcourage als »Ethik des Herzens«. Dies bedeutet, dass zivilcouragiertes Handeln nicht aus Geboten und Verboten besteht, also äußerlich vorgegebenen Pflichten folgt, sondern sich auf eine bestimmte Haltung, eine innere Einstellung gründet, die zum notwendigen Handeln im Einzelfall befähigt. Für Till Bastian resultiert aus der Verbundenheit alles Lebenden, aus der Gemeinsamkeit alles Lebendigen die bewusst wahrgenommene Verantwortung für den anderen. Zivilcourage bedeutet, dass der Einzelne sich »der leisen Stimme des Gewissens folgend über von der Obrigkeit vorgegebene Ordnungszusammenhänge hinwegsetzt«.

Als »Ironie der Geschichte« wird darauf verwiesen, dass die erste bekannte Verwendung des Wortes »Zivilcourage« von Otto von Bismarck »dem eisernen Kanzler« stammt: »Mut auf dem Schlachtfeld ist bei uns Gemeingut, aber sie werden nicht selten finden, dass es ganz achtbaren Leuten an Zivilcourage fehlt«.

Till Bastian verweist auf verschiedene wissenschaftliche Studien, die untersuchten, was couragierte Menschen kennzeichnet bzw. welche Erfahrungen zur Entwicklung und Förderung zivilcouragierten Verhaltens des/der Einzelnen beiträgt. Unter anderem werden folgende Punkte genannt:

  • mindestens ein Elternteil wurde als sozial verpflichteter, vorbildlich handelnder Mensch erlebt und erfahren, mit der Folge einer Gewissensbildung durch liebevolles Nachahmen (Identifikation) an Stelle einer »Dressur-Erziehung«;
  • sich selbst verantwortlich für das eigene Tun und die Auswirkungen fühlen, d.h. die Verantwortung wird nicht auf eine »höhere Instanz« abgeschoben;
  • Glaube an die eigene Wirkungskraft: Ich kann etwas verändern;
  • Einstellung, dass Mitgefühl wichtiger als Ordnung ist und Verantwortung mehr wiegt als Anpassung;
  • Intellektuelle und psychische Selbständigkeit, d.h. gewohnt sein, sich ein eigenes Urteil zu bilden und es auszuhalten, nicht zu einer Mehrheit zu gehören.

Insbesondere die elterliche Erziehung und/oder andere prägende Bezugspersonen fördern durch Gebote und Vorbildverhalten die Entwicklung altruistischen und zivilcouragierten Handelns. Dabei versetzt die Internalisierung (die Übernahme, die Verinnerlichung, das sich zu Eigen machen) von Normen durch Gehorsam und Zwang, eher selten in die Lage, in Konfliktfällen eine souveräne, vor sich selber verantwortbare Entscheidung zu fällen. Es führt eher dazu, sich durch Anpassung an das, was andere tun, ein vermeintlich ruhiges Gewissen zu verschaffen.

Die Internalisierung von Normen durch Identifizierung mit dem Vorbild ist der andere Weg. Wenn beispielsweise Liebe, altruistisches Verhalten und Toleranz gegenüber Menschen, die anders sind, erlebt wird, wenn eine Erziehung zu Unabhängigkeit, Selbständigkeit und Disziplin erfahren wird, die nicht mit körperlichen Strafen und Liebesentzug operiert, dann wird couragiertes Verhalten gefördert.

Interessant ist im Zusammenhang mit Zivilcourage noch der von Bastian beschriebene Begriff des »bystander«. »Bystander« bilden in einer Gewalt bzw. Unrechtssituation quasi den Hintergrund für die Täter und die von ihnen ausgeübte Gewalt. Die vom »bystander« gezeigte Passivität bedeutet in Wahrheit aktive Begünstigung der Gewalt.

Symbol: »Autor« (ein stilisierter Füllfederhalter)

Duden: Begriffe Zivilcourage, Courage, zivil

Singer, K.: Zivilcourage wagen, Piper: München, 1992

Bastian, T.: Zivilcourage, Von der Banalität des Guten, Rotbuch: Hamburg 1996

Lünse, D.,/Rohwedder, J./Baisch, V.: Zivilcourage, Anleitung zum kreativen Umgang mit Konflikten und Gewalt, agenda: Münster, 1995, S. 10–22

Lünse, D.: Eine Herausforderung zum Handeln – Zivilcourage, in: gewaltfreie aktion, Heft 124, 3/2000