Kita Kleiner Fratz

Die Kita Kleiner Fratz befindet sich im Norden Neuköllns. Zwischen den hohen Mietshäusern liegt ein großer grüner Garten, ausgestattet mit zahlreichen Spielgeräten, direkt gegenüber der Ladenwohnung, in welcher die Räume der Kita untergebracht sind. Das Kita-Logo mit dem Schriftzug »Kleiner Fratz« ist gut sichtbar an den Fenstern und Türen angebracht, die direkt aus der Ladenwohnung zum Fußweg reichen.

Die Eltern und Kinder, die zum ersten Mal die Tagesstätte besuchen, können die Kita durch mehrere Eingänge erreichen und werden freundlich empfangen. »Damit ist der erste Schritt für die Eltern getan, sie sind erst mal drin«.

Egal zu welchem Zeitpunkt neugierig fragende Eltern erscheinen, die Mitarbeiterinnen wissen, dass gerade der erste Eindruck zählt. Dementsprechend nehmen sie sich jederzeit mindestens fünf Minuten für interessierte Eltern, um mit ihnen zu sprechen. Es wird die Einrichtung gezeigt, um einen ersten Eindruck zu erhalten und weitere familiäre Entscheidungen treffen zu können. Bei Bedarf und Interesse wird anschließend ein Termin mit ausreichend Zeit vereinbart.

Den Mitarbeiterinnen ist es wichtig, einerseits den Familien den Zugang zu dieser Bildungseinrichtung möglichst unkompliziert zu gestalten. Andererseits soll den Eltern vermittelt werden, dass sie zu dem Zeitpunkt, an dem sie vor Ort sind und mit ihrem Anliegen erscheinen, die ungeteilte Aufmerksamkeit bekommen. Dadurch wird den Eltern sehr direkt die entsprechende Wertschätzung entgegengebracht, die für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit notwendig ist.

Die Mitarbeiterinnen beschreiben die Elternarbeit als einen Prozess, bei dem sich Vertrauen entwickeln muss. Diese Elternarbeit beginnt bereits mit der ersten Kontaktaufnahme, »wie man da den Eltern schon entgegen kommt. Nee, ich hab jetzt keine Zeit, kommen Sie mal morgen wieder oder ob man gleich offen und freundlich ist und sagt, O.K. ich hab jetzt zehn Minuten Zeit für sie, ich nehme jetzt Ihre Anmeldung entgegen.« Zuhören ist für das Aufbauen einer ersten Vertrauensbasis sehr zentral,  egal mit welchen Themen die Eltern diesen Erstkontakt beginnen.

Oft kommen auch Eltern, die ihr erstes Kind bekommen haben und nicht wissen, wo sie jetzt hingehen müssen. Die entsprechenden Informationen werden von der Erzieherin gern weitergegeben. Grundsätzlich kann jede Mitarbeiterin angesprochen werden und weiß in groben Zügen über alles Notwendige Bescheid, »selbst die Verwaltungsmitarbeiterin« kann entsprechende Aussagen zum pädagogischen Alltag geben. Die Eltern werden immer empfangen, völlig egal welche Anliegen sie haben.

Haben sich die Eltern nach einem Gespräch für die Kita Kleiner Fratz entschieden, dann erhalten sie einen sogenannten Eingewöhnungsbrief, welcher die Eltern willkommen heißt. Er erklärt, wie der Prozess der Eingewöhnung vonstatten geht und was die Eltern am ersten Tag alles mitbringen sollen. Anschließend wird der erste Eingewöhnungstag vereinbart. An diesem sind dann zwei Mitarbeiterinnen in der Gruppe, damit sich eine von ihnen intensiv mit der Eingewöhnung beschäftigen und den Eltern alles mit entsprechender Ruhe und Aufmerksamkeit zeigen und besprechen kann. »Das ist auch eine Eingewöhnung für die Eltern.«

Der erste Schritt der Eingewöhnung dauert ca. 45 Minuten. Der Zeitrahmen wird in den darauf folgenden Tagen gesteigert. Ein weiterer Effekt der Eingewöhnung ist, dass »die Arbeit dadurch transparent gemacht wird.« Wie lange diese Eingewöhnungsphase gestaltet ist, hängt wiederum sehr individuell vom Entwicklungsstand der Kinder ab und wird mit den Eltern gemeinsam abgestimmt.

Die benannten Eingewöhnungsbriefe sind in Deutsch verfasst, aber es gibt zwei türkisch sprechende Mitarbeiterinnen, welche diese ggf. auch übersetzen können. »Es kommt auch oft vor, dass wenn die Mama in der Familie nicht gut Deutsch versteht, der Papa kommt.« Oder dass  Mütter ihre Freundinnen mitbringen, welche dann übersetzen. So wird kreativ und vielschichtig gemeinsam nach pragmatischen Möglichkeiten der Verständigung gesucht, um die Inhalte und Anliegen allen Familien verständlich zu machen.

Zuhause festigen die Kinder ihre Erstsprache, in der Kita lernen sie Deutsch. »Das Ziel ist, dass alle Deutsch sprechen.« Während der Eingewöhnung kann es durchaus sein, dass auch eine andere Sprache, zum Beispiel Türkisch, gesprochen wird, um Vertrauen herzustellen. Dies beschränkt sich allerdings auf die Eingewöhnungsphase. Mit diesem Konzept haben die Mitarbeiterinnen bisher gute Erfahrungen gemacht. Die Verbindungssprache bei Kindern unterschiedlicher Herkunft ist im Kita-Alltag ausschließlich Deutsch. Auch in den Erstgesprächen und während der Eingewöhnung wird den Eltern gesagt, dass in der Kita nur Deutsch gesprochen wird »und das akzeptieren die Eltern auch.« Viele sagen sogar, dass sie es ausdrücklich wünschen, weil sie Wert darauf legen, dass ihr Kind gut Deutsch lernt.

Zentraler Bestandteil der Elternarbeit sind regelmäßige Elternabende. Dabei werden die Eltern über die Angebote informiert, welche täglich bzw. wöchentlich durchgeführt werden, wie Tanz, Musik, Sport, Spiel- und Bastelangebot. Die Mitarbeiterinnen sind grundsätzlich sehr gewillt, mit den Eltern Kontakt zu halten, gerade wenn sie merken, dass das Kind Unterstützung braucht. »Dass immer wieder dran geblieben wird…Dass immer wieder versucht wird, doch nachzuhaken und die Eltern wieder ran zu ziehen,« scheint ein grundlegendes Prinzip im pädagogischen Konzept des Trägers zu sein.

Dieses Vorgehen ist für die Mitarbeiterinnen nicht immer einfach. Elternarbeit, insbesondere bei auftretenden Schwierigkeiten, wird stets im Team besprochen. Bei besonderen Herausforderungen werden, selbstverständlich in Absprache mit den Eltern, auch andere »Quellen von außerhalb« hinzugezogen, wie etwa die AWO, die Lebenshilfe oder auch der Kinderschutzbund, der den Profis fachkompetent zur Seite steht, gerade auch bei anonymisierten Beratungsanlässen. Diese Vernetzung unterstützt das Team und das Team unterstützt die einzelne Erzieherin. Insbesondere vor herausfordernden Elterngesprächen wird dies im Team gemeinsam besprochen und abgestimmt, so dass das gesamte Team als Unterstützung fungieren kann. Wenn der Kontakt zu den Eltern (wieder) hergestellt ist, macht die Erzieherin der Familie deutlich, dass »wir die weiteren Schritt mit Euch gehen.« Insbesondere dann, wenn die Eltern bei speziellen Themen bzw. Problemstellungen an andere Unterstützungsangebote weitervermittelt werden.

Ein weiterer Vorteil für eine gelingende Elternarbeit liegt in einer engen Kooperation mit der Grundschule, da der Kita-Träger zugleich einen Hort anbietet. Mit den Eltern, deren Kinder zunächst die Kita besuchen und ab dem Schulalter den Hort, ist eine langanhaltende Beziehungsarbeit und Kooperation sehr gut möglich. Somit kann gerade auch beim Übergang von der Kita in die Schule ein besserer Austausch zwischen Erzieherinnen und Lehrer(inne)n erfolgen und die Kinder, aber eben auch die Eltern, können über einen längeren Zeitraum kontinuierlich begleitet werden.

Mit der Schule wird durch diese Struktur grundsätzlich enger im Sinne von Verbindlichkeit und Kooperation zusammengearbeitet. So besuchen die Lehrer/innen bspw. das Sommerfest. Es werden aber auch mögliche Probleme gemeinsam besprochen und angegangen.

Feste sind in der Kita stets ein guter und häufiger Anlass für Begegnung, Geselligkeit und Austausch. Hierbei können sich alle Beteiligten, Kooperationspartner wie die benannte Schule, aber gerade auch die Eltern mit ihren jeweiligen Hintergründen sehr aktiv und vielfältig einbinden. So werden selbstverständlich auch die Feste gefeiert, die aus den kulturellen Bezügen der jeweiligen Elternhäuser bekannt sind.

Aber auch beim Sommerfest wurde da angeknüpft »wo die Eltern stehen, was sie jeweils einbringen können.« Und dementsprechend werden sie ganz aktiv mit einbezogen. »Was können Eltern besser als wir?« ist dabei eine handlungsleitende Maxime der Erzieherinnen. Dadurch kommen auch Eltern auf die Mitarbeiterinnen zu und fragen direkt, wo sie unterstützen können.

So hat zum Beispiel beim vergangenen Sommerfest ein Vater den Erzieherinnen das Fotografieren abgenommen. Dabei sind tolle Fotos aus teilweise sehr unterschiedlichen Perspektiven entstanden und der Vater fühlte sich wertgeschätzt und gebraucht. Solche Momente erleben auch die Kinder und sind stolz auf ihre Eltern, was diese alles können und dass sie sich derart beteiligen.

Bei einem solchen Sommerfest begegnen sich selbstverständlich auch die Eltern untereinander und lernen sich sehr unkompliziert kennen. »Wir haben sehr engagierte Eltern, egal aus welcher Nation sie kommen und das spricht sich hier rum.« Das Engagement der Eltern lässt sich unter anderem auf die Vertrauensbasis zu den Erzieherinnen zurückführen. Dazu kommt, dass sie aus sich heraus zumeist sehr offen und neugierig  sind und »meist schon in der zweiten oder dritten Generation hier leben.«

Die Mitarbeiterinnen nutzen die Feste, um den Eltern und Kindern verschiedene Themen und Kulturen zu vermitteln. Dafür werden viele verschiedene Elemente genutzt. Oft steht das Fest unter dem Thema »Kinder einer Welt.« Dabei registrieren die Kinder, wie unterschiedlich im Sinne von vielfältig bspw. die Familien sein können. Auch werden die Kinder gebeten, entsprechende Gedichte oder Bücher von Zuhause mit in den Kita-Alltag zu bringen, damit die Kinder auch mal die anderen Sprachen hören. So gab es in der Adventszeit jeden Freitag ein multikulturelles Frühstück gemeinsam mit den Eltern.

Durch diese Atmosphäre ist die Nachfrage nach einem Kitaplatz im Kleinen Fratz sehr groß. Zumeist läuft die Öffentlichkeitsarbeit der Kita schlicht »über Mundpropaganda, also mein Kind, meine Familie ist zufrieden mit der Kita, meldet euch doch auch mal da an.« Die Mitarbeiterinnen haben aber auch schon Situationen erlebt, bei denen sie mit den Kindern auf dem Spielplatz waren, mit Wasser gespielt haben und dann von Eltern angesprochen wurden, wo sie denn herkommen und dass sie ihre Kinder auch gerne dort anmelden möchten. Die respektvolle und selbstverständliche Art im Umgang mit der Vielfalt macht viele Eltern neugierig. So wird auf religiöse bzw. kulturelle  Aspekte ganz selbstverständlich Rücksicht genommen, soweit dies möglich ist, bspw. dass die Kinder im Sommer einen Badeanzug zum Baden anziehen oder dass erst die Mädchen und dann die Jungen getrennt geduscht werden. Die Möglichkeiten und Grenzen werden den Eltern jeweils sehr transparent und offen vermittelt. Es wird aber auch gut zugehört, was die Vorstellungen und Wünsche der Eltern sind, um diese dann gemeinsam zu verhandeln.

Durch die dargestellte Arbeitsweise der Mitarbeiterinnen, die verschiedenen Angebote und Veranstaltungen und das aktive Einbeziehen der Eltern wird die Kita zu einem selbstverständlichen Ort der Begegnung in lebendiger Vielfalt mitten im Kiez.

Symbol: »Autor« (ein stilisierter Füllfederhalter)

von Sarah Häseler und Stefan Bestmann

Symbol: »Adresse« (ein Stift zeigt auf das Adressfeld eines Briefes)

Kleiner Fratz gGmbH
Glasower Straße 58
12051 Berlin

www.kleiner-fratz-berlin.de