Projekte »Über die Kinder zu den Eltern«

Ein Mitarbeiter des Projekts Groopies unterhält sich mit fünf Kindern

Der Bat Yam Platz im Neuköllner Süden: ein Hochhausgebiet aus den 70er Jahren, welches bereits aus einiger Entfernung gut sichtbar wird, eingerahmt von stark frequentierten Straßen. Zwischen den Hochhäusern und betonierten Wegen finden sich vereinzelte Grünflächen, gekennzeichnet mit dem Schild »Betreten verboten.« Menschen jeder Altersstufe und Nationalität sind auf den Wegen anzutreffen, oft in Begleitung eines Hundes. In den Hinterhöfen spielen Kinder und Jugendliche oder sie »hängen einfach nur rum«.

Mitten in diesem Kiez ist das Pilotprojekt Lipschitz Kids angesiedelt und wenige Kilometer entfernt das Nachfolgeprojekt Groopies. Die Lipschitz Kids wurden nach der angrenzenden Lipschitzallee benannt. Der Name »Groopies« wurde abgeleitet von Gropiusstadt, wo das Projekt verortet ist. Die Lipschitz Kids und Groopies sind Kooperationsprojekte freier Träger der Kinder- und Jugendhilfe mit dem Jugendamt. Das Leitziel liegt laut Auskunft einer Mitarbeiterin darin, Kontakt zu Familien aufzubauen, die bisher nicht vom Jugendamt oder anderen familienunterstützenden Angeboten erreicht werden: »Migranten gehören nicht zu der Bevölkerungsgruppe, die sich mit Fragestellungen direkt ans Jugendamt wenden oder zu einer Sozialberatung gehen. Sie gehören also nicht zu denen, die sich konkret Hilfe suchen, wenn sie Probleme haben.«

Die Eltern sollen bei der Ausübung ihrer Erziehungsaufgaben unterstützt, für die Wahrnehmung der Bedürfnisse ihrer Kinder sensibilisiert und motiviert werden, bestehende Familienunterstützungsangebote kennen zu lernen und für sich und ihre Kinder zu nutzen. Ziel ist es, präventiv vor Ort zu arbeiten, das heißt Familien und Kinder frühzeitig an bestehende Angebote im Kiez anzubinden, so dass sie die Jugendhilfe als Unterstützungs- und Hilfsangebot wahrnehmen.

Des Weiteren sollen im Kiez Strukturen hergestellt werden, die es den Familien ermöglichen, sich auch untereinander zu helfen. »Es geht darum Ressourcen im Kiez zu entdecken und für die Familien und Kinder zu nutzen, wie zum Beispiel die Ressource der vielen Senioren hier.«

Eine weitere Zielstellung der wohnortnahen Projekte ist es, durch den täglichen Kontakt mit den Familien deren Anliegen, Bedürfnisse und Potentiale zur Verbesserung ihrer familiären Situation im Wohngebiet zu erfahren und eventuell in neue innovative Konzepte umzusetzen. Es entstand die Idee, unmittelbar »mit Eltern und Kindern direkt vor Ort Kontakt herzustellen«, ganz im Sinne einer aufsuchenden Sozialarbeit, wobei sowohl die Kinder als auch die Eltern direkt angesprochen werden.

Umgesetzt wird dies durch Platzspiele. Der Zugang zu Kindern gestaltet sich meist unkompliziert. Durch eine große Spielkiste, welche die Mitarbeitenden auf den Platz bringen, wird schnell die Neugierde der Kinder geweckt. Die Mitarbeitenden sprechen die Kinder an und laden sie persönlich zum Mitspielen ein: »Willst Du mal das Sprungseil haben? Du kannst Dir gerne auch den Ball zum Spielen nehmen.« Das funktioniert ganz gut: »Und umso mehr Kinder mit uns spielen, desto größer wird das Interesse der anderen Kinder, die daran vorbeigehen. Sie sagen dann: ›Mama, ich will auch mitspielen‹.« Viele Kinder scheinen nicht mehr zu wissen, wie man miteinander spielt oder womit sie auf der Strasse alles spielen können. Die Kinder sind sehr offen für diese Anregungen. In einer solch unverbindlichen Angebotsstruktur entscheiden die Kinder selbst, wann und wie lange sie mitspielen wollen. Das erfordert eine hohe Kompetenz der Mitarbeitenden: eine offene Gruppe und ständig wechselnde Kinder. »Die Kinder können jederzeit gehen, man muss immer gucken, dass man sie anders kriegt. Also mit Wertschätzung, Anerkennung, aber auch klarem Benennen von Regeln. Und das alles mit einer offenen, großen Gruppe«, berichtet die Mitarbeiterin.

Der Zugang zu den Familien

Der Zugang zu den Eltern findet meist über die Kinder und ihr Spiel statt. Viele Kinder erscheinen regelmäßig zu den verlässlichen Zeiten der Platzspiele. Ihre Eltern sitzen oft am Rand, unterhalten sich oder schauen den Kindern beim Spielen zu. Eine Mitarbeiterin geht auf sie zu und spricht sie freundlich an. »Ist das nicht Ihre Tochter?« Die Erfahrung zeigt, dass man mit den Eltern über die unverfängliche Tätigkeit Spielen schnell ins Gespräch kommt. Dabei sprechen sie viel eher über Ängste, Sorgen und Probleme als beispielsweise in einem künstlich hergestellten Beratungssetting.

Im Sommer wird den Eltern auch Kaffee angeboten, sozusagen ein offenes Elterncafé. Nebenbei erfragen die Eltern, wer die Mitarbeitenden denn eigentlich genau sind und was sie machen. So entsteht für die Mitarbeitenden die Möglichkeit, Informationen weiter zu geben, aber auch die Interessen der jeweiligen Eltern zu erkunden. In den Gesprächen kann es zudem zu gezielten Fragen der Eltern kommen: beispielsweise wo es Sprachkurse gibt, wo ein Kinderarzt ist oder Fragen zu Briefen von den Behörden. So kann bei Bedarf eine Weitervermittlung zu anderen Projekten erfolgen. Es werden aber auch Fragen zu Bescheiden von Ämtern oder der Schule erklärt oder die entsprechenden Ansprechpartner gemeinsam ausfindig gemacht. Dadurch, dass die Eltern mit ihrem Anliegen nicht weitergeschickt werden, wird eine erste Vertrauensbasis geschaffen.

Parallel zu den Gesprächen im öffentlichen Raum wird ein offenes Müttercafé angeboten. Auch hier werden die Eltern freundlich und einladend angesprochen. Sie können sich zunächst einmal über das Projekt informieren. Es entwickelt sich ein Gespräch und die Mitarbeitenden erfahren, was die Eltern beschäftigt, wo der berühmte Schuh drückt und welche Angebote und Unterstützungen aus Sicht der Eltern hilfreich wären. So werden die Eltern ganz direkt mit in die Angebotsplanung einbezogen.

Die professionelle Haltung

Das sechsköpfige Team der Groopies vor ihrem Kiezladen

Eine solche in der Lebenswelt ansetzende Arbeit braucht kommunikationsfreudige Mitarbeitende. Für einen gelingenden Erstkontakt ist es grundlegend, »sehr offen mit Menschen umgehen zu können, also nicht warten bis einen jemand anspricht, sondern man muss auf Leute zugehen können. Und auch ein bisschen Smalltalk beherrschen. Offen und freundlich sein. Also nicht nur hingehen und mit den Kindern spielen, sondern immer auch in alle Richtungen grüßen, lächeln, zunicken… Das sind eben softskills, über die man Leute kriegen kann. Das ist ganz, ganz wichtig.«

Die Beziehung zu den Eltern ist ausschlaggebend für eine enge Kooperation. Ein offenes Entgegentreten mit einem ehrlichen Interesse am Menschen ist also die erste Basis für eine vertrauensvolle Beziehung.

Ein kontinuierlicher Kontakt kann eine solche Vertrauensbasis festigen. Dazu gehören zahlreiche Gespräche, gerade auch über die Kleinigkeiten des Alltages. Auch hierbei ist eine wertschätzende Haltung dem Menschen und seinen Themen gegenüber wichtig. »Ich bin überzeugt, dass man nur so Leute erreicht. Wenn sie merken, dass einem das wirklich ernst ist«, fasst eine Mitarbeiterin ihre professionelle Arbeitshaltung der authentischen Neugier und Wertschätzung zusammen.

Hilfreich wäre sicherlich ein eigener Migrationshintergrund »weil das schon mal den ersten Schritt erleichtert.« Durch das Ansprechen in der eigenen Erstsprache wird Vertrautheit vermittelt. Eine Mitarbeiterin der Lipschitz Kids verfügt über russische und türkische, eine weitere über arabische und türkische Sprachkenntnisse.

Im Team der Groopies wird englisch, spanisch, portugiesisch und rumänisch gesprochen, daneben gibt es Basiskenntnisse in Russisch und Jugoslawisch. Eine Mitarbeiterin hat einen südamerikanischen Migrationshintergrund und drei Mitarbeitende haben mehrjährige Berufserfahrungen im Ausland, wodurch sie sich gut in die Situation »leben in einem fremden Land« hinein versetzen können.

Wiedererkennungseffekte

Um mit den Familien in Kontakt zu kommen, ist zudem eine transparente Arbeitsweise notwendig. Für die Bewohner muss erkennbar sein, wer die Mitarbeitenden sind, was sie wollen und wie sie arbeiten. Das beinhaltet neben den sprachlich-kommunikativen Aspekten die optische Erscheinung. Die Mitarbeitenden der Groopies tragen im Sommer leuchtend gelbe T-Shirts und im Winter gelbe Jacken mit dem Logo der Groopies. Die Farbe der Lipschitz Kids ist hellblau mit einem dunkelblauen Logo. Das Logo findet sich auch auf Plakaten und Flyern wieder, um einen Wiedererkennungseffekt zu erreichen. Somit sind die Mitarbeitenden sowohl für die Kinder als auch für die Eltern und Bewohner stets identifizier- und ansprechbar.

Wozu das alles? Zielstellungen und Angebotsformen

Zwei Jungen im Kindergartenalter essen Wassereis auf dem Spielplatz

Zu Projektbeginn haben sich die Mitarbeitenden einen Überblick über den Sozialraum verschafft. Es wurde systematisch erhoben, welche Angebote, Einrichtungen, Vereine etc. im Wohnquartier vorhanden sind. Alle Kinder und Familien betreffende Angebote werden kontinuierlich erfasst und auf ihre Aktualität hin überprüft. Da diese Angebote aus den unterschiedlichsten Bereichen stammen, werden insbesondere die Kontaktdaten wie Adresse, Telefonnummer, Email und Ansprechpartner notiert, aber auch was konkret für wen angeboten wird und wie der Kontakt von Eltern oder Kindern hergestellt werden kann.

Eine Mitarbeiterin sagt, dass sie Kontakte überall dahin geknüpft haben, wo »Probleme mit Familien auflaufen und in all die Bereiche, in denen sich Familien bewegen.«

Primäre Zielstellung ist hierbei eine vernetzende Öffentlichkeitsarbeit für das Projekt. »Wohnungsbaugesellschaften haben wir angeboten, dass sie bei Problemen mit Familien diese gerne auch an uns verweisen können und sagen ›Mensch, die helfen ihnen weiter‹ oder auch uns Informationen geben und sagen, Mensch, gucken Sie doch da mal genauer hin oder vielleicht können Sie dem einen Termin mit einem Hilfeangebot machen.«

Die Öffentlichkeitsarbeit wird dabei nicht an einen einzelnen Kollegen delegiert, sondern versteht sich als zentrale Querschnittsaufgabe für alle. Anfangs sind die Mitarbeitenden zu den bestehenden Einrichtungen, Projekten etc. persönlich hingegangen. Dort haben sie ihr Projekt jeweils vorgestellt und ihre Aufgaben, Zielsetzungen und Vorgehensweise erklärt, um gegenseitige Transparenz im Kiez zu gewährleisten und Verweise auf andere Einrichtungen und Angebote machen zu können. Des Weiteren können sich daraus auch konkrete Kooperationen ergeben, zum Beispiel die wechselseitige Teilnahme an Teamsitzungen, um sich über die Belange und Themen des Kiezes auszutauschen. Dadurch wird ein potentielles Unterstützungsangebot optimiert.

Der Kiezladen als Standort

Die Kiezläden der Groopies und der Lipschitz Kids befinden sich jeweils im Erdgeschoss eines Wohnhauses und sind durch eine große Fensterfront sehr gut einsehbar. Das Schaufenster der Groopies wird regelmäßig umdekoriert mit Bastelarbeiten und Fotos der Kinder. Dadurch bleiben diese immer wieder stehen und schauen, was Neues ausgestellt ist oder was sie selber gebastelt haben. Dies möchten sie natürlich auch ihren Eltern zeigen. Daher sind im oberen Bereich des Schaufensters Informationen über Angebote angebracht. Somit können sich die Eltern bei Bedarf auch unauffällig informieren.

In dem Raum der Lipschitz Kids werden Fotos von den Gruppen und den verschiedenen Veranstaltungen aufgehängt. Die Kinder und Eltern identifizieren sich so mit dem Raum und der Gruppe.

Wenn der Kiezladen geöffnet ist, wird ein Ständer mit Informationsmaterialien und Broschüren über Hilfsangebote zu Themen wie Trennung und Scheidung, Schuldnerberatung, Erziehungsberatung, etc. zum Mitnehmen hinausgestellt. Zu Beginn des Projektes wurde diese Möglichkeit zum Informieren kaum genutzt. Daraufhin haben die Mitarbeitenden den Ständer so aufgestellt, dass dieser für sie im Laden nicht einsehbar ist. Die Bewohner können nun unbemerkt die Broschüren mitnehmen und entgehen somit den möglichen Zuschreibungen, dass sie vielleicht Hilfe benötigen oder ähnliches. Mittlerweile werden die Informationsmaterialien vermehrt mitgenommen und auch die Mitarbeitenden gezielt nach bestimmten Broschüren gefragt. Daran wird deutlich, dass sie in ihrer Aufgabe und Funktion im Kiez wahrgenommen und genutzt werden.

Durch eine Kooperation des Trägerverbundes kann eine Übersetzung der Flyer gewährleistet werden. Somit sind sowohl deutsch, als auch türkisch, arabisch, jugoslawisch, albanischrussisch und polnisch verfasste Flyer vorhanden. Zudem wird zu den regelmäßig immer wiederkehrenden Zeiten der bereits erwähnten Platzspiele eine große Tafel aufgestellt, an der eine kurze Projektbeschreibung und viele Fotos befestigt sind. Ebenso werden Flyer an interessierte Bürger verteilt. Dies alles ersetzt die direkte und persönliche Ansprache nicht, macht die Menschen aber neugierig und lädt zu einem ersten unverbindlichen Gespräch ein. Über die offenen Angebote der Platzspiele und des Elterncafés lernen die Eltern und Kinder das Projekt kennen.

Offene und feste Kindergruppen

Neben den Platzspielen bieten die Lipschitz Kids für die Kinder offene und geschlossene Gruppen an, die sie nach Wahl besuchen können. Zu den offenen Gruppen gehört eine Hausaufgabenhilfe. Daran gekoppelt findet eine Elternberatung statt, wobei die Eltern bei Bedarf über Fördermöglichkeiten informiert werden. Weil viele ältere Kinder sich um die jüngeren Geschwister kümmern, wurde eine Geschwistergruppe gegründet. Sie soll die Älteren entlasten und den Jüngeren die Möglichkeit geben, mit Gleichaltrigen zu spielen. Dabei geht eine Mitarbeiterin mit den älteren Kindern in die Jugendclubs, während eine andere sich um die jüngeren Kinder kümmert.

Daneben gibt es geschlossene Gruppen, zum Beispiel die Sprachförderungsgruppe für Vorschulkinder, in der Kinder beim Erlernen der deutschen Sprache unterstützt werden und Gespräche mit den Eltern über Förderungsmöglichkeiten stattfinden. Des Weiteren gibt es die Forschergruppe, welche von Kindern der vierten bis fünften Klasse besucht wird, wobei die Themen praxisorientiert und spielerisch angegangen werden. Die Mitarbeiterinnen tauschen sich mit den Lehrer(inne)n über die aktuellen Lehrinhalte aus, um so das Interesse der Kinder an den Themen zu wecken.

Seit November 2006 gibt es das Projekt »Mutige Mütter«, in dem Mütter gefördert werden, die keine Schulausbildung besitzen und den VHS-Kursen oftmals nicht folgen können, meist einhergehend mit psychosomatischen Beschwerden. Ziel ist es, durch sportliche Übungen, Körperwahrnehmung, gekoppelt mit Sprachspielen, das Lernen spielerisch zu erlernen.

Das Eltern- und Müttercafé

Das Elterncafé findet parallel zu den Platzspielen auf dem Hof statt und ist ein offenes Angebot. Die Eltern können einfach vorbeikommen, sich hinsetzen und mit anderen Eltern ins Gespräch kommen. Momentan nutzen überwiegend Frauen das Café, aber auch bereits einige Männer.

Das Müttercafé findet dagegen in den Räumen der Lipschitz Kids statt und wird regelmäßig angeboten. Für viele der Mütter ist das Café ein »zentraler Punkt, wo sie mal rausgehen« können und eine Anlaufstelle, um andere Frauen zu treffen. Mittlerweile verabreden sich auch einige der Frauen untereinander, organisieren gemeinsame Picknicknachmittage im Park oder gehen in den Gropiuspassagen bummeln.

Anfangs saßen die Frauen nur mit Frauen des gleichen Migrationshintergrundes zusammen und haben in ihrer Sprache gesprochen. Inzwischen grüßen die Frauen sich auch, wenn sie einander auf der Strasse begegnen, »sie kennen sich mit Namen, das war am Anfang überhaupt nicht so.«

Elterngruppen

Für die Eltern werden ebenso Gruppen angeboten. Einige Frauen äußerten den Wunsch nach einem Sprachkurs, um die deutsche Sprache zu lernen. Daraufhin haben sich die Mitarbeitenden mit der Volkshochschule (VHS) in Verbindung gesetzt. Nun findet der Sprachkurs in den Räumen des Müttercafés statt. Das ermöglicht es den Frauen, in einer Umgebung zu bleiben, welche sie bereits kennen. Zudem sind ihnen auch die anderen Teilnehmerinnen vertraut, da es ja ihre Nachbarinnen sind. Durch den Sprachkurs lernen die Frauen einerseits Deutsch, andererseits werden auf diesem Weg Themen wie Kindererziehung, Gesundheit, Politik etc. angesprochen und auch besprochen.

Des Weiteren gibt es das Beratungsangebot der Elternsprechstunde. Bei konkreten Problemen, welche die Frauen unter vier Augen besprechen möchten, kann dieses Angebot in Anspruch genommen werden. Für diese Beratungen ist eine beraterisch-pädagogische Ausbildung unabdingbar. Hinzu kommt, dass die Mitarbeitenden sich im Angebotsnetzwerk Neuköllns gut auskennen müssen, um »kompetent und sicher weitervermitteln« zu können.

»Alle Mitarbeiter sind verpflichtet, mit anderen Institutionen ins Gespräch zu kommen, zu verhandeln über Angebote, Vermittlung usw.«

Teilweise findet aber auch »Erziehungsberatung auf der Straße statt.« Eine Mitarbeiterin berichtet, dass eine berufstätige Mutter keine Zeit hat zu den Beratungen zu kommen. Bei einem Treffen im Kiez konnte die Mutter ihre Anliegen berichten und die Mitarbeiterin hat sich für die Beratung unterwegs Zeit genommen. Ein sozialarbeiterisches »Mitgehen« in mehrfacher Hinsicht.

Thementage

In regelmäßigen Abständen werden Thementage veranstaltet. Beispielsweise zum Thema Gesundheit »werden mit den Kindern Obst- und Gemüseteller gebastelt…dann machen wir Quizfragen zu Obst und Gemüse, Bewegung, Gesundheit für Eltern und Kinder. Das sind sozusagen Spaß- und Spieleevents zu wichtigen Themen, die direkt im Kiez veranstaltet werden, direkt hier sozusagen als Wohngebietsfest.«

Dabei geht es um Information, praktische Hinweise und die Vermittlung an weiterführende Stellen zum Thema in Form eines für die Familien interessanten Events mit »Kiezfestcharakter.« Auch Projekte zu den vorgestellten Themenbereichen können sich dadurch bei den Menschen im Stadtteil bekannt machen.

Die Kinder erhalten alle Preise und Urkunden, wodurch sie Anerkennung bekommen, aber auch um »die Kinder vom Computer und vom Fernseher weg zu locken. Wir stellen fest, dass die Eltern sehr froh darüber sind, dass es so etwas gibt, weil sie selbst wenig Spielideen haben. So können sie ihr Kind leichter animieren, zum Spielen runter zu gehen. Und wir schaffen es wirklich, dass die Kinder merken, dass es eigentlich auch schön ist, unten im Hof zu sein und mit anderen Kindern zu spielen.«

So wird die isolierte Nachbarschaft aus der Anonymität gehoben. Die Menschen lernen sich kennen. Neben der angestrebten Vernetzung der Eltern untereinander ist die Vermittlung zwischen den Institutionen und den Eltern wichtig, da viele nicht Bescheid wissen über das aus Sicht einer Mitarbeiterin eigentlich gut ausgebaute Netzwerk in Neukölln. »Ich denke, dass die Wege hier in der Gropiusstadt eher verwinkelt sind und dass es viele Angebote in unmittelbarer Nähe gibt, wo man aber nie dran vorbei läuft.«

Zum Beispiel gibt es hinter dem Jugendkulturzentrum einen Abenteuerspielplatz, welcher nur durch ein Transparent ausgeschildert und von der Strasse nicht einsehbar ist. Daran würden diejenigen, welche die deutsche Sprache nicht können, vorbei gehen.

Vernetzung

Die Groopies befinden sich in einem Gebiet mit besonderem Entwicklungsbedarf, einem Quartiersmanagementgebiet. Eine Mitarbeiterin ist auch Mitglied im Quartiersbeirat. Über den Quartiersbeirat hat sie die Möglichkeit, mit weiteren Bewohnern ins Gespräch zu kommen, deren Interessen zu erfahren und eigene Interessen zu vermitteln. Unter anderem sitzen im Beirat viele Senioren, welche sich durch den Lärm der Kinder und Jugendlichen gestört fühlen. Somit kann die Mitarbeiterin durch persönliche Gespräche die Notwendigkeit der Förderung von Kindern und Jugendlichen erklären und diese auch in die Planung und Gestaltung von Projekten als Ressource mit einbeziehen.

Der Kiezladen der Groopies ist in der Projektfinanzierung nicht inbegriffen. Über das Programm ›Soziale Stadt‹ wurden Gelder für die Ausstattung des Kiezladens beantragt und mit der Wohnungsbaugesellschaft ein Vertrag für eine kostengünstige Nutzung der Räume ausgehandelt.

Ein Ziel ist es, dass »wir wirklich verzahnt miteinander arbeiten und die Effektivität erhöht wird.« Dafür ist Transparenz notwendig, damit »Dinge, die ablaufen, in der Gesamtstruktur auch verstanden werden.« Das beinhaltet sowohl strukturelle Veränderung in der Verwaltungsebene, als auch neue Projekte mit neuen Arbeitsaufträgen in den Stadtteilen.

Des Weiteren arbeiten die Groopies eng mit den drei Grundschulen in unmittelbarer Nähe zusammen. Einmal pro Woche gibt es für 2 Stunden ein Beratungsangebot für die Eltern an den Schulen. An Elternabenden und bei Elternsprechstunden sind die Groopies mit einem weiterführenden Beratungsangebot zur Entlastung der Lehrer/innen vor Ort. Zusätzlich gibt es einen regelmäßigen Austausch zwischen den Lehrer/innen und den Mitarbeitenden der Groopies über Bedarfe der Eltern und sozialpädagogische Angebote im Kiez.

»Da der Kiez eigentlich schon recht gut mit Unterstützungsangeboten bestückt ist, haben die Groopies die Funktion, dass Familien im Kiez diese Unterstützungsangebote mehr nutzen. Wir sind so eine Art Vertrauensperson für Familien mit Kindern vor Ort, die gleichzeitig Öffentlichkeitsarbeit für soziale Unterstützungsangebote und vor allem für die Jugendhilfe leisten.«

Alles in allem betrachtet, zeigen die Groopies und Lipschitz Kids  exemplarisch, wie sich durch eine Kooperation des Jugendamtes mit freien Trägern der Kinder- und Jugendhilfe Projekte aus den Interessen und Bedarfen der Menschen in einem Kiez entwickeln können und auch entsprechend genutzt werden.

Symbol: »Adresse« (ein Stift zeigt auf das Adressfeld eines Briefes)

Lipschitz-Kids: BatYamProjekt@gmx.de
Groopies: groopies@gmx.de

Symbol: »Autor« (ein stilisierter Füllfederhalter)

von Sarah Häseler