Ein etwas anderer Tag im Baumarkt

Ein Ort, an dem ich mich nach dem Umzug in unsere neue Wohnung in letzter Zeit sehr häufig gewollt oder ungewollt häufig aufhalte, ist der Baumarkt um die Ecke. Nicht selten irre ich suchend in den langen Gängen des Fachmarktes umher mit seinen unzähligen Regalen, bis an die Wolkengrenze vollgepackt mit Werkzeugen, Schrauben, diversen Farben und noch vielem mehr, von dessen Existenz ich bis dato wenig bis zumeist keinerlei Kenntnisse hatte.

Auch heute bin ich in einer dieser langen Regalschluchten »meines Baumarktes« unterwegs. Doch diesmal kenne ich mein Ziel genau: ein Workshop! Beim letzten Baumarktbesuch konnte ich eine vielsprechende Lautsprecherdurchsage vernehmen: eine women’s week! Innerhalb einer Woche werden unterschiedliche, von Experten angeleitete Workshops zu lebenswichtigen Themen wie kreative Wandgestaltung, Werkzeuge und Maschinen, die das Heimwerken leichter machen, Fliesen legen, aber speziell und ausschließlich für Frauen angeboten.

Von der zwingenden Logik dieser hilfreichen Idee angeregt, habe ich mir einen Flyer mit einem Anmeldeformular an der Information eingesteckt, doch hatte ich mal wieder keine Zeit, das beiliegende Anmeldeformular fristgerecht und ausgefüllt abzugeben. Ich rief also umgehend beim Baumarkt an. Sehr freundlich und überraschend unkompliziert wurde ich von einer Mitarbeiterin informiert, dass sie selbstverständlich auch telefonisch meinen Namen für den Workshop aufnehmen könne. Das mit der zeitlichen Frist vorab würden sie zudem nicht allzu ernst sehen, wenn jemand wie ich ein so großes Interesse zeige. Ich könne flexibel einen der angebotenen Workshops zwischen vormittags oder nachmittags wählen.

So laufe ich also an diesem Vormittag wieder durch den langen Gang des Baumarktes, der mich am Ende in die fast tropisch anmutende Gartenabteilung führt. Es sind sechs lange Bänke und Tische aufgestellt. Vorne auf einem der Tische stehen Getränke für die Teilnehmerinnen bereit. Auf unseren Plätzen liegen Stifte und jeweils ein Schreibblock. Die orangefarbenen Plastikbehälter, in denen gewöhnlicher Weise Schrauben und dergleichen ihre Ruhe finden, sind nun mit Süßigkeiten gefüllt.

Sechszehn Frauen und zwei Kinder sind pünktlich erschienen. Sowohl das Alter der Frauen, von circa 20 aufwärts bis 60 Jahre, als auch die Nationalität der Frauen scheint sehr gemischt. So wie ich es selten in einer Gruppe zuvor gesehen habe. Rechts neben mir sitzt eine Italienerin, links eine Studentin deutscher Herkunft, vor uns eine Polin, eine Koreanerin und hinter uns eine Schar türkischer Frauen.

Ein Mitarbeiter des Baumarktes begrüßt uns alle sehr freundlich zum heutigen Workshop. Zum Thema Bohren, Schleifen und Sägen wolle er uns in der verbleibenden Zeit Informationen, gepaart mit praktischen Übungen, nahe bringen. Es sei ausdrücklich erwünscht, so der Mitarbeiter, jederzeit Fragen zu stellen. Dieses Angebot, endlich mal Fragen stellen zu dürfen, zu den ganz praktischen Hindernissen der Heimwerkerei wird von den Frauen sehr ernst genommen.

Schlagbohren, Meißeln, Drehgeschwindigkeitsabstimmungen und viele weitere Themen werden vertieft. Die Erläuterungen des Baumarktexperten werden immer häufiger durch neugierige und engagierte Zwischenfragen unterbrochen. Einige der Frauen wollen, statt sich für die technischen Daten der Werkzeuge zu interessieren, sehr pragmatisch wissen, wie man konkret die richtigen Schrauben mit den dazugehörigen Dübeln findet. Der nach wie vor entspannt wirkende Mitarbeiter macht zwar deutlich, dass dies ja eigentlich nicht unbedingt das Thema des heutigen Workshops sei, aber die Hartnäckigkeit der Frauen zunächst eine Klärung dieser Frage notwendig mache. Schnell holt er also unterschiedliche Schrauben sowie Dübel und macht sich an die Erläuterung von Schraubenstärke, Dübelziffer, Bohrergröße und Wandbeschaffenheit. Die Frauen sind begeistert. Hier scheint endlich mal keine Frage daneben zu sein.

Das Prinzip des Workshops für Frauen überzeugt mich immer mehr. Meine bisherigen Erfahrungen im Baumarkt waren geprägt von fachmännischen Antworten hetzender Mitarbeiter, die zum einen kompliziert erklärt und zum anderen die einzelnen Schritte nicht für einen Laien nachvollziehbar gemacht haben, sodass ich am Ende noch mehr Fragen als Klärungen hatte. Dies führte in meinem Fall zumeist dazu, wegen eines meinerseits ursprünglich als einfach eingestuften Heimwerkerplan mehrere Male den Baumarkt aufzusuchen und im schlimmsten Fall das eigene Vorhaben schlicht aufzugeben.

Doch in diesem Workshop ist alles ganz anders: Wir unterhalten uns angeregt über unsere handwerklichen Probleme, als Gruppe! Was für ein Gefühl, zu merken, dass ich mit Abstand nicht die Einzige bin, die nicht weiß, dass Torx-Aufsätze nicht zur Ausstattung des extraterrestrischen Abschirmdienstes gehören sondern sternförmige Bohreraufsätze sind, um die Kraftübertragung zu den entsprechenden Schrauben zu optimieren.

Eine Frau hat nach einer langen Nacht ihres Sohnes am darauffolgenden Tag mehrere Löcher im Parkettboden vorgefunden, für die sie nun eine Lösung bzw. eher eine Verfüllung sucht. Zwei Frauen geben ihr mutig Tipps, der Mitarbeiter ergänzt noch einiges. Zudem könne sie sich nach dem Workshop diesbezüglich in der Holzfachabteilung gleich an einen Herrn Meyer wenden, der ihr weiter behilflich sein wird. Währenddessen unterhält sich meine Tochter neben mir angeregt mit einer Kunststudentin und lässt sich Bilder von ihr zeichnen. Logischerweise ermutigt die Studentin beim Thema der kreativen Wandgestaltung meine Tochter auch mit Hand anzulegen. Etwas zaghaft geht sie nach vorne, wo eine Übungswand steht und trägt Effekt-Spachtel auf und malt mit einem Schwamm in ihrer Lieblingsfarbe rosa. Den Schwamm darf sie mit nach Hause nehmen, um auch dort selbst loszulegen. Die Frauen klatschen ihr Beifall, stolz kommt sie wieder zu mir zurück.

Bei den praktischen Übungen, die die Ausführungen des Fachmarktexperten stets begleiten, helfen wir Frauen uns gegenseitig und kommen so schnell ins Gespräch: über handwerkliche Arbeiten bis hin zu privaten familiären Angelegenheiten. Wer schon mal mit dem eigenen Ehemann gemeinsam eine Bohrmaschine betätigt hat, weiß, dass es eine direkte Verbindung zwischen diesen beiden Themenbereichen gibt.

Mittlerweile ist eine sehr lockere und angenehme Atmosphäre entstanden. Zudem gibt es ein gutes Gefühl, endlich für viele ungelöste Probleme der Heimwerkerei Antworten bekommen zu haben. Das Entscheidende ist aber das Erfolgsgefühl, nunmehr einiges in Haus und Garten deutlich eigenständiger und zielgerichteter selbst zu bewerkstelligen.

Und  zu guter Letzt: Zum bis dato ungemein riesigen, unüberschaubaren und von gehetzten Mitarbeitenden geprägten Baumarkt entwickelt sich ein vertrautes Gefühl...mein Baumarkt. Am Ende des Workshops füllen wir noch schnell einen Fragebogen aus, der nach unseren weiteren Wünschen und Verbesserungs- vorschlägen fragt. Meine Tochter und ich geben in dem Bogen eifrig und ehrlich Auskunft, gemeinsam mit zwei türkischen Frauen - sie benötigen etwas Unterstützung in der deutschen Sprache,  möchten aber unbedingt auf Deutsch ihre Begeisterung mitteilen. Mehrere meiner Freundinnen, denen ich davon erzählte, warten nun ungeduldigst auf die nächste women’s week. Und meine Tochter hat erfahren, dass es natürlich auch einen kids club gibt.

Dieser Baumarkt ist unser Baumarkt - eindeutig. Unglaublich, wie die das geschafft haben.

Symbol: »Autor« (ein stilisierter Füllfederhalter)

von Meryem Ucan